Kategorie: Portfolio

  • Die letzten Hüter des Meeres

    Die letzten Hüter des Meeres

    Wie kleine Fischer in der Normandie für das Meer kämpfen und gegen das System verlieren

    Franck Lemonnier steht an der Kaimauer im Hafen von Granville. Mit seinem Dackel Otto unterm Arm wartet er eine Welle ab, die sein Boot einige Meter hoch an den Rand des Kais hebt, um mit einem großen Schritt auf die Planke seines Kutters zu steigen. Sein von Alter und Sonne gezeichnetes Gesicht mit dem wilden, weißen Bart erzählt von einem Leben auf See, vom Meer, von den Wellen und dem Wind.

    Auf dem Boot wartet seine Crew schon auf ihn. Laurent, sein Steuermann, wäre eigentlich schon in Pension. Sein eigenes Fischerboot hat er vor einem Jahr verkauft. Doch ihm fehlte das Meer, der Geruch nach Salz und Fisch, die Wellen unter seinen Füßen.

    Wäre Franck eine Photographie, wäre Laurent sein Negativ. Alles an Laurent strahlt Lässigkeit aus. Seine blonden Haare wirken in der Sonne noch heller, das Tattoo auf seinem Unterarm grüßt auf balinesisch, seine Wasserhose sitzt locker auf seinem dünnen Körper. Er ist ein Lebemann, nimmt das Leben lockerer als Franck.

    Vielleicht war Franck einmal wie Laurent, als er jung war. Frei und sorglos. Doch wenn, dann ist das schon Jahre her. Denn seit Jahren kämpft Franck. Er kämpft fürs Überleben seines Handwerks, für Selbstbestimmung im Job, für Gerechtigkeit und Mitsprache und gegen alle Vorurteile, mit denen er tagtäglich konfrontiert wird. Er kämpft gegen Bestimmungen und Regelungen, die sein Handwerk langsam und leise zerstören.

    Wie die Fischer zu Umweltschützern wurden

    Sie beide blicken auf ein Leben auf dem Meer zurück. Doch die Fischerei von früher, die gibt es nicht mehr, sagen sie.

    „Was nur wenige wissen, ist, dass es anfangs kaum Vorgaben in der Fischerei gab. Wir waren es, die sie eingeführt haben“, erzählt Laurent. Vor über 30 Jahren, als Franck und Laurent mit der Fischerei begannen, handelte jeder Fischer nach seinen eigenen Regeln. Jeder hat gefischt, was er wollte und wo er wollte. Schnell erkannten sie, dass das nicht funktionieren konnte. „Wir mussten uns bewusst machen, dass die Tiere, die wir fangen, nicht unendlich sind. Und dass, wenn wir wollen, dass es so bleibt, wir uns anstrengen müssen. Wir arbeiten in einer kleinen Bucht, und die müssen wir schützen. Wir können nicht einfach woanders hin.“

    Also fingen sie an, sich zu informieren. Sie holten sich Rat bei Wissenschaftlern des IFREMER-Instituts, ein französisches Forschungsinstitut, das Meeresarten untersucht und Daten für den Schutz der Ozeane sammelt. Auf Bitte kamen die Wissenschaftler mehrmals im Jahr mit auf ihre Boote, um die Bestände in ihrer Bucht zu vermessen. Aufgrund dieser Ergebnisse passten die Fischer ihre Praktiken an. So entstanden nach und nach Lizenzen, Schonzeiten und Fangbeschränkungen – alles aus eigener Initiative.

    „Die anderen Fischer zu überzeugen, war nicht leicht“, erinnert sich Laurent. „Wir mussten hart kämpfen, um sie zur Vernunft zu bringen.“

    „Die ersten Regulierer, die ersten Umweltschützer in der Region, das sind wir. Wir haben nicht darauf gewartet, dass Leute zu uns kommen und uns sagen, dass es falsch ist, was wir tun. Deshalb sind wir immer noch hier. Wir tun alles, um die Fischerei so verantwortungsvoll und nachhaltig wie möglich zu gestalten.“

    Die Muschelfischer bei ihrer Arbeit an den Buchons, den Muschelpfählen

    Plötzlich wollen alle mitreden

    Doch mit den Jahren kommen immer mehr Regelungen von außen hinzu. Und die neuen Regeln, die heute über die Fischerei in der Normandie entscheiden, kommen meist aus fernen Büros – aus Paris, aus Brüssel, aus Behörden, die mit Akten und Statistiken arbeiten, aber kaum mit Fischern sprechen. Unter dem Schlagwort „Naturschutz“ wird eine wachsende Zahl von Vorschriften erlassen: Fangquoten, Sperrzonen, Vorgaben für Netze und Geräte. Also all das, was die Fischer schon seit Jahren selbst und auf ihre Weise regelten.

    „Jetzt ist hier ist absolut alles reglementiert“, meint Franck frustriert. „Alles, was du vor deinen Augen siehst, der Abstand und die Größe der Stege, die Größe der Boote, die Arbeiter*innen darauf, die Größe der Kisten, alles. Die Anzahl der Fanggeräte, die herumliegen dürfen, ist reglementiert, die Stunden sind reglementiert, die Tage sind reglementiert, es gibt biologische Schonzeiten.“ Er seufzt auf und setzt sich auf eine der Kisten. Franck sagt, er fühlt sich nicht mehr in einer Demokratie. „In einer Demokratie sagst du was und dann sage ich was. Aber hier wird nur mehr von oben herab bestimmt.“

    Dabei ist den Fischern der Schutz des Meeres ein echtes Anliegen – nicht, weil es vorgeschrieben ist, sondern weil sie wissen, dass ihre Zukunft davon abhängt. Doch Naturschutz, der nur auf dem Papier entsteht, ohne die Fischer einzubeziehen, läuft aus ihrer Sicht ins Leere.

    Für die kleinen handwerklichen Fischer fühlt sich das an wie ein starres Korsett, das immer enger gezogen wird. Denn all diese neuen Regeln sind für die Fischer nicht nur eine Frage von wirtschaftlicher Existenz, sondern auch von Respekt. Ihr Wissen über Strömungen, Bestände und ökologische Zusammenhänge wird kaum noch beachtet. Und die Vorschriften werden teuer. Die alten Boote entsprechen nicht mehr den Bestimmungen und müssten erneuert werden. Die kleinen Trawler, mit denen sie Muscheln am sandigen Meeresgrund sammelten, werden verboten. Die Kosten steigen, doch die Einnahmen sinken kontinuierlich. Mit seinen knapp 1200€ pro Monat kann sich Franck kaum über Wasser halten. Regeln werden über ihre Köpfe hinweg entschieden. Sie sollen Vorschriften befolgen, die vor Ort oft wenig Sinn ergeben oder hinderlich sind. Wenn sie nachfragen, werden sie weiterverwiesen oder vertröstet.

    In den Kisten auf Francks Fischerboot sammeln sich die Muscheln nach einem erfolgreichen Arbeitstag.

    Das Ding mit den Rochen

    Laurent kann sich an ein konkretes Beispiel erinnern. Eine EU-Kommissarin stellte in Norwegen fest, dass der Braunrochen dort vom Aussterben bedroht war. Also beschloss sie durch ihr Komitee, die Fischerei auf den Braunrochen in ganz Europa zu verbieten. Das Ding war nur: In der Normandie gab und gibt es immer noch viele Braunrochen.

    Also holten die Fischer dort Wissenschaftler an Bord ihrer Boote. Sie wollten sie sehen lassen, dass die Bestände der Braunrochen hier immer noch sehr hoch sind. „Und dass unsere braunen Rochen auf keinen Fall die Rochen in Norwegen wiederbevölkern werden“, meint Laurent. Es dauerte fünf Jahre eines jährlichen wissenschaftlichen Ausschusses, dessen Ergebnisse positiv waren, um den Fang von Braunrochen wieder zu genehmigen und mit einer Fangquote von 100 Kilo pro Woche wieder zu eröffnen. In all dieser Zeit jedoch kämpften viele Fischer, besonders die, die sich aufs Fischen von Braunrochen spezialisiert hatten, um ihr finanzielles Überleben. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, bei Beschlüssen dieser Art die Fischer vor Ort miteinzubeziehen.

    Doch die neuen Gesetze stoßen noch auf ein anderes Problem: In den Regelwerken wird oft kein Unterschied gemacht zwischen der handwerklichen Fischerei, die seit Generationen nachhaltig wirtschaftet, und der industriellen Fischerei, die mit riesigen Trawlern ganze Bestände in wenigen Tagen leerräumt. Diese Gleichbehandlung empfinden viele Fischer als fundamentale Ungerechtigkeit. Wer mit einem kleinen Boot und einfachen Netzen arbeitet, wird an denselben Maßstäben gemessen wie Konzerne, die in internationalen Gewässern fischen und kaum kontrollierbar sind. Und dies schürt die Vorurteile, mit denen die Fischer immer wieder konfrontiert werden, von Menschen, die diesen Unterschied nicht kennen. Franck schüttelt den Kopf: „Ich liebe meine Arbeit, aber sie wird mir echt schwer gemacht“.

    Ein Beruf ohne Erben

    Theoretisch könnte Franck in einem Jahr ebenfalls in Pension gehen. Aber dann müsste er sein Boot und seine Muschelfarmen verkaufen. Und das ist beinahe unmöglich geworden. „Niemand will mehr als Fischer arbeiten“, mein Frank, „die Arbeit ist zu ungewiss geworden.“ Er zeigt auf ein anderes Fischerboot, das gerade an ihm vorbeifährt. Grüßend reckt er die Hand zum Gruß. „Mein Kollege hier versucht sein Geschäft schon seit zwei Jahren zu verkaufen. Er findet einfach niemanden. Also macht er weiter.“

    Das Durchschnittsalter der Fischer wird jedes Jahr höher, für junge Menschen ist der Job kaum noch attraktiv. Franck meint, dass die traditionelle Fischerei mit ihnen aussterben wird. „Das wäre eine Katastrophe für die Umwelt. Denn die kleinen, handwerklichen Fischer werden zunehmend von den großen, industriellen Booten ersetzt. Und diese kümmern sich nicht um die Umwelt“.

    Ökologie und Umweltschutz sind ein Modewort geworden, meint Laurent. Seit ein paar Jahren wollen plötzlich alle mitreden, die Verbände, die Bürokraten und die Umweltschützer. „Sie wollen uns vorschreiben, wie wir unser Meer und die Lebewesen darin am besten schützen sollen. Doch Umweltschutz haben wir schon lange vor ihnen gemacht, und viel besser als sie, und zwar mit Wissenschaftlern. Also eigentlich muss man uns diese berühmte Ökologie des Umweltschutzes nicht beibringen. Wir sind damit im Einklang.“

  • Die Geschichte einer mutigen Frau, die nicht aufhörte zu Träumen

    Die Geschichte einer mutigen Frau, die nicht aufhörte zu Träumen

    Teil 1: Von einem Mädchen, das mehr wollte

    Das erste, das ich von ihr hörte, war ihr Lachen. Es ist die Art von Lachen, bei der man weiß, dass diese Person glücklich ist. Vielleicht nicht immer, vielleicht nicht mal generell. Aber gerade jetzt, in diesem einen Moment, war Shansala glücklich. Sie saß auf einem klapprigen Stuhl im Schatten des kleinen Hauses, umringt von den anderen Mädchen die hier wohnten. So sah ich sie das erste Mal.

    Das Haus, vor dem sie saßen, war ein einfaches, flaches Gebäude. Darin befand sich die Küche für die Bewohner. Gegenüber stand ein schlichtes, dreistöckiges Haus. Von den Balkonen, die jedes Stockwerk umringten, kam man direkt in die einzelnen Zimmer, die Richtung Innenhof zeigten. Shansala war eine von mehreren Dauerbewohnern dieses Hauses. Sie und die anderen Mädchen lebten hier, jeweils in einem kleinen Zimmer mit ihren Ehemännern. Shansala und ihr Mann durften dort mietfrei wohnen, solange sie bei der Reinigung der Zimmer mithalf. Die Zimmer im Erdgeschoss wurden an Touristen vermietet. Shansala ist gerade mal Anfang 20, als ich ihr an diesem Abend begegne.

    Es ist der nächste Abend und einer nach dem anderen trudeln die Ehemänner der Mädchen ein. Woher sie genau kommen, weiß Shansala nicht. Denn eine fixe Arbeitsstelle haben die meisten nicht. Ein älterer Herr erscheint im Tor. Seine Haare sind grau und er geht etwas gebückt. Ich schätze ihn auf Mitte 50. „Mein Mann“, sagt Shansala seufzend und verschwindet schnell in die Küche, um das Essen für ihn zuzubereiten. Denn erst wenn ihr Mann gegessen hat, darf sie sich etwas nehmen. Wie alle Mädchen und Frauen in Sri Lanka hat auch sie geheiratet, sobald sie alt genug dafür war. Denn eine Frau ohne Ehemann, so etwas gibt es nur selten auf der Insel. Nicht verwunderlich also, dass eine der ersten Fragen, die Shansala mir stellte, war, ob ich verheiratet war. Als ich ihr dann erzählte, ich habe zwar einen Freund, aber wir wären nicht verheiratet, schaute sie mich nur entsetzt an. Eine Frau, die mit einem Mann zusammenwohnt, allerdings ohne Absicherung durch eine Heirat, gibt es in Sri Lanka schlicht nicht.

    Eines Abends kommt mich Shansala in meinem Zimmer besuchen. Im Schneidersitz sitzt sie auf meinem Bett und schaut wehmütig aus dem Fenster. Dort draußen, vor dem Haus, sitzen die Männer. Sie trinken Bier und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Wie gerne sie auch mal einen Zug an einer Zigarette nehmen würde, gesteht sie mir. Doch ohne Erlaubnis von ihrem Mann darf sie nicht. Nicht trinken und nicht rauchen. Nicht arbeiten und nicht raus gehen. Und ihr Mann? Der will, dass Shansala rein bleibt. Eine gute Hausfrau. Arbeiten, das hat er ihr erlaubt. „Aber ohne Geld“, sagt sie. Nur fürs Recht, hier wohnen zu dürfen. „Er ist ein guter Mann“, sagt sie dann. Immerhin schlägt er sie nicht. Er lässt sie sogar ziemlich in Ruhe mit allem. Andere Mädchen hätten es nicht so gut.

    Es ist unser letzter Abend. Shansala wirkt wie ausgewechselt. Sie ist ernst und nachdenklich. Immer wieder greift sie nach meiner Hand. Wir tauschen Handynummern aus. „Damit wir reden können. Damit mein Englisch besser wird. Damit ich zu dir kommen kann. Arbeiten in Europa. Frei sein. Du hilfst mir doch, oder? Redest mit mir, immer wieder? Mit gutem Englisch kann ich einen Job finden. Ich komme zu dir. Ich kann frei sein“.

    In der Unterkunft hat Shansala Freunde. Oft sitzt sie mit den anderen Mädchen zusammen. Dann wird gelacht und getuschelt. Und wenn sie Glück haben und eine von ihnen hat gerade ein Handy dabei, dann surfen sie durch das Internet. Sie machen Fotos von sich mit so vielen Filtern, dass sie irgendwann wie Stars aussehen. Sie schauen sich Bilder und Videos von anderen Menschen an und sehen darin Freiheit. Und wenn ein gutaussehender Junge dabei ist, rücken sie noch etwas näher ran, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Und schauen dabei aber immer wieder schuldbewusst über die Schultern, ob es eh niemand merkt.

    Und manchmal fangen sie an zu träumen. Von einer anderen Welt. Von einer anderen Gesellschaft. Von einem anderen Leben.

    Teil 2: Hoffnung auf Freiheit

    5 Monate später

    Shansala ruft mich an. Ihre Stimme, die normalerweise immer fröhlich klingt, hat heute einen schweren Unterton. Wir unterhalten uns mit Video, und schon am Hintergrund erkenne ich, dass sie nicht mehr in ihrer alten Unterkunft ist. Dann schließlich lässt sie die Bombe platzen: „I am divorced“, ich bin geschieden, sagt sie nüchtern ins Telefon. Scheidung, ein Wort mit so vielen Bedeutungen in Sri Lanka. Es bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch soziale Ausgrenzung und Verachtung seitens der Gesellschaft. Eine Frau ohne einen Mann ist nichts wert. Eine geschiedene Frau allerdings noch viel weniger. Eine geschiedene Frau wird von der Gesellschaft verbannt.

    Sie musste aus dem Hotel ausziehen, sagt sie mir. Obwohl sie dort arbeitete, durfte sie ohne Ehemann dort nicht mehr bleiben. Und einen anderen Job fand sie nicht. Einer geschiedenen Frau will niemand helfen. Mit einer geschiedenen Frau wollen die meisten nichts zu tun haben. Jetzt wohnt sie in dem kleinen Haus ihrer Mutter, zusammen mit ihrer Schwester. Eine eingeschworene Frauengemeinschaft. Sie zeigt mir ihre neue Umgebung und wirkt, trotz ihrer Situation, doch auch ein bisschen stolz. Trotz schlechter Bildqualität kann ich so einiges erkennen. Sie zeigt mir ihr kleines Haus mit offener Feuerstelle zum Kochen. Rings herum ist ein Garten, indem ihre Mutter Chilis und Zitronen anpflanzt. Zudem stehen einige Kokosnuss-Palmen in nächster Umgebung, die sie ernten können. Stolz zeigt mir Shansala den Berg aus Kokosnüssen, den sie erst kürzlich von einer Palme geerntet hat und lächelt dabei. Auf die Frage, ob sie glücklich sei, antwortet sie natürlich mit ja. Eine andere Antwort kennen die Menschen von Sri Lanka kaum.

    Shansala erzählt mir, dass sie trotz ihrer Lage nicht den Glauben vergisst. Und immer wieder versucht, Gutes zu tun und anderen Menschen zu helfen. Als sie nicht mehr weiter wusste, ging sie fort. Sie verbrachte einige Zeit in einem Kinderheim für geistig und körperlich beeinträchtigte Kinder. Dort half sie überall mit, wo sie gebraucht wurde. Sie schickt mir Bilder davon. Darauf zu sehen ist ein offener Raum mit einzelnen Betten, und überall Kinder. Kinder, die mit einem kleinen Plastikauto spielen, Kinder, die am Boden gefüttert werden und Kinder, die lachend in die Kamera gucken. Und überall Shansala. Wie sie den Kindern Essen aus kleinen Metallschüsseln gibt. Wie sie gehbehinderte Kinder stützt. Wie sie dankbar lächelt.

    Shansala bei unserem Abschied. Meine Hand lässt sie nicht mehr los.
  • Vom Mann, der Geschichten zum Leben erweckt

    Vom Mann, der Geschichten zum Leben erweckt

    Christopher Robin Goepfert – Südtirols Geschichtenerzähler

    Christopher Robin Goepfert ist genau so, wie man sich einen Geschichtenerzähler vorstellt: barfuß, mit bunten Hosen und offenen, schulterlangen Haaren steht er vor seiner kleinen Mensa, in der er nebenberuflich kocht. Ein Ort zum Kochen ist für ihn immer auch ein Ort, an dem Menschen aufeinander treffen. Und so nutzt er die Pluribar auch als Treffpunkt für Theaterproben, pen&paper-Spieleabenden oder einfach zum Treffen mit Freunden. Und heute auch für unser Gespräch.

    Er setzt sich auf einen der Plastikstühle vor seiner Mensa hin, die Füße übereinander geschlagen, die Hände braucht er zum erzählen. Eine ruhige, entspannte Atmosphäre geht von ihm aus. Er ist es gewohnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Mit seiner ruhigen, melodischen Stimme beginnt er zu erzählen.

    Christopher wächst in Norddeutschland auf – Mit Hühnern, Ziegen und einem großen, verwilderten Garten. Dort zieht er sich zurück, ließt Bücher und Geschichten und erfindet in Gedanken neue. Er versucht sich am Schreiben eines eigenen Buches, will eigene Geschichten erzählen. Doch schnell wird ihm klar: Das ist viel zu zeitaufwändig. Also macht er eine Ausbildung zum Koch.

    Es ist 2010, Christopher zieht der Liebe wegen nach Südtirol. Dort macht er einen Workshop zum improvisierten Geschichtenerzählen und ihm wird klar, dass man zum Geschichten erzählen gar kein eigenes Buch braucht.

    Und so pflanzt sich ein Gedanke in seinen Kopf, der ihn nicht mehr loslässt.

    Ein Jahr später ist Christopher Geschichtenerzähler. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass man mit Geschichten erzählen überhaupt Geld verdienen kann. Das ging dann ziemlich schnell, im nächsten Jahr hatte ich schon 50 Auftritte“, verkündet er stolz.

    Er macht eine Pause, als würde er in Gedanken gerade zu diesem Zeitpunkt zurück wandern. Schüttelt den Kopf und lächelt schließlich. „Ab da war ich dann 7 Jahre lang hauptberuflich Geschichtenerzähler.“

    Man sieht ihn, hört ihn zu und weiß: Er ist kein Mensch, der beruflich Geschichten erzählt. Er ist Geschichtenerzähler. Das ist sein Leben. Er ist all die Geschichten, die er schon seit 2010 Hunderten von Menschen erzählt hat. Er lebt sie und er spielt sie.

    Dabei geht es ihm nicht ums Geld, nicht um den großen Gewinn. Den hat er, wenn im Publikum die Kinderaugen leuchten. Wenn er sieht, wie die Zuhörer in seine Geschichten eintauchen.

    Dabei hat Christopher eine eigene Vorgehensweise entwickelt um die Geschichten, die es ja schon gibt, ganz zu seinen Eigenen zu machen.

    „Ich suche eine Geschichte aus, die mir etwas sagt, die mich berührt. Am liebsten erzähle ich Weisheits- und Schelmgeschichten, Narrengeschichten.“ erklärt Christopher und grinst dabei ebenfalls etwas schelmisch.

    Nach dem sorgfältigen Auswählen der Geschichte macht er sich erst mal eine Mindmap: eine Landkarte mit allen wichtigen Personen, deren Antrieb und wichtige Ereignisse. Dann erzählt er sich die Geschichte so lange selbst, bis er das Gefühl hat, dass sie zu seiner eigenen Geschichte geworden ist. Am liebsten macht er das in seiner Hängematte, die auch jetzt gerade hinter unserem Tisch zwischen zwei Säulen baumelt.

    „Ich habe die Geschichten so verinnerlicht, als wären sie meine eigenen Erinnerungen, mein eigenes Leben. Und daher kann ich sie immer wieder neu erzählen.“

    Er bringt Geschichten zum Leben, er bringt Erzählungen aus staubigen Märchenbüchern wieder auf die Straßen, in Hinterhöfe und auf Waldlichtungen. Er spielt mit der Fantasie der Menschen, kreiert mit ihrer Vorstellungskraft eine Welt um sie herum, in der sie nicht nur Zuhörer, sondern auch Akteure sind.

    In seinen Geschichten ist er Held und Schurke zugleich, er verkörpert den bösen Wolf und die alte Großmutter. Er ist Stimmenkünstler und Wortverdreher. Er steht nicht auf der Bühne, spielt den anderen nichts vor. Im Gegenteil. Jeder Zuhörer ist selbst im Geschehen, erlebt die Geschichten, die er in die Köpfe der Zuschauer pflanzt, hautnah mit.

    Und am Ende passiert der Übergang. Der Wald sie herum löst sich auf, der schäbige Hinterhof verschwindet und mit wenigen Worten leitet er die Zuhörer wieder zurück in die Gegenwart. Doch die Bilder, die er in ihre Köpfe gezaubert hat, die Abenteuer die er mit ihnen erlebt hat, die bleiben. So realistisch, als wären sie selbst Teil davon gewesen.

  • Wo Kulturen sich begegnen

    Wo Kulturen sich begegnen

    Wie ich in einem Französischkurs ganz nebenbei noch die Welt kennenlernte

    Ein Namensschild, Bücher, Unterlagen, Stifte. Ich bin bereit für den Sprachkurs.

    Der Raum erinnert an ein Klassenzimmer der 90er Jahre. Die Tische, leicht schräg kippbar, sind in U-Form angeordnet. An der Wand hängt ein großes Whiteboard, das als Tafel dient. Daneben ein Beistelltischchen mit einem CD-Player drauf. An den Wänden hängt eine vergilbte Karte von Frankreich. Vor der Tür knattert die Kopiermaschine. Ich fühle mich zeitversetzt.

    Als Erwachsene wieder in einem Klassenzimmer zu sitzen fühlt sich ungewohnt an. Da ist plötzlich wieder dieser Ebenen-Unterschied. Ich fühle mich klein und verletzlich, als würde ich freiwillig fremden Menschen Macht über mich geben. Was die Lehrer sagen, das passiert. Als selbstbestimmter Mensch ordne ich mich wieder freiwillig unter. Ich muss leise sein, ruhig sitzen bleiben, muss Bescheid geben wenn ich den Raum verlasse um aufs Klo zu gehen. Als ich mir unterrichtsferne Notizen in ein Heft mache, werde ich mit einem Kopfschütteln zurechtgewiesen. Botschaft: Ich bin die Lehrerin. Du darfst nur das machen, was ich dir sage.

    Der Anfang

    Es ist September, die Schule sperrt die Tore auf und die ersten Studenten betreten die Universität. Und auch für mich beginnt die Zeit des Lernens. Der Sprachkurs für Immigranten in Quimper startet an diesem regnerischen Septembermorgen.

    Voller Vorfreude betrete ich das Gebäude des MPT, des Maison pour tout, dem Haus für alle. Die Frau hinter dem Schalter lächelt freundlich, als ich durch die Eingangstür komme. Mit einfachen Sätzen, die ich vorher übersetzt und auswendig gelernt habe, erkläre ich ihr, dass ich mich gerne anmelden würde und zeige mit der Hand auf dem Flyer zum Sprachkurs, der an der Wand hängt. Sie nickt und beginnt, ein Formular für mich auszufüllen. Als ich mein Herkunftsland, Italien, angebe, entsteht eine Pause. Ein ratloser, verwirrter Blick trifft mich und sie fragt mich etwas auf französisch, dass ich nicht verstehe. Also werden andere Personen hinzugezogen. Gedämpft unterhalten sie sich und zeigen dabei immer wieder auf mich. Nervös frage ich mich, was ich denn falsch gemacht haben könnte. Nach einer Weile erklärt mir die Sekretärin im gebrochenen Englisch, dass sie gerade diskutieren, ob ich als Italienerin genug Immigrantin bin, um an dem Kurs teilzunehmen. Nach einer aufregenden Diskussion scheint es immer noch niemand so recht zu wissen, aber schließlich lassen sie mich doch hinein.

    Montag

    Bonjour, je suis Jasma, je suis marriée e j’ai cinque enfants“

    „Bonjour, ich bin Jasma, ich bin verheiratet und habe 5 Kinder.“

    Es ist der erste Tag meines Immigranten-Sprachkurses in Frankreich. In der Vorstellungsrunde bin ich die einzige Europäerin und mir wird schnell klar: andere Kulturen legen den Fokus der Vorstellung definitiv auf andere Dinge als ich. Während ich über mein Alter spreche, meine Herkunft und das ich gerade eine Ausbildung mache, beginnen andere die Vorstellung mit ihrem Beziehungsstatus und der Anzahl der Kinder. Am Ende meiner Vorstellung fragt mich eine erstaunte Teilnehmerin, ob ich denn verheiratet sei und Kinder habe, da ich das bei meiner Vorstellung wohl vergessen hätte. Ich verneine und bekomme daraufhin einige mitleidige Blicke. Als die Vorstellungsrunde beendet ist, bin ich von den 14 Teilnehmern die einzige unverheiratete Person ohne Kinder.

    Erst da wird mir erst so richtig klar: Das ist ein Ort, an dem verschiedenste Kulturen für zwei Tage in der Woche aufeinander prallen.

    Der Unterricht beginnt und ich merke schnell, dass ich aus einem anderen Grund hier bin als die Anderen. Ich spreche kein Französisch, kann aber die lateinische Schrift lesen und schreiben. Die meisten anderen Teilnehmer leben schon einige Jahre in Frankreich, können dementsprechend gut sprechen. Nur sind sie mit den lateinischen Schriftzeichen nicht vertraut. Deshalb beginnt der Unterricht heute auch mit dem lernen des Alphabets. Zümra, eine 80-Jährige Frau aus der Türkei und heute meine Sitznachbarin, gerät bei dem Buchstaben „z“ in Panik. Schnell nimmt sie sich meine Unterlagen und kritzelt ein „z“ nach dem anderen hinein, stellt mir Fragen auf Französisch, die ich nicht verstehe. Aber ich meine zu verstehen, worum es geht. Die Lehrerin hat auf der Tafel die alte Schreibweise des „z“ aufgeschrieben. Die Frau neben mir kennt aber nur die neue Schreibweise. Ich versuche ihr durch Handzeichen zu erklären, dass es für diesen Buchstaben zwei Schreibweisen gibt und das beide korrekt sind. Doch am Ende geben wir beide frustriert auf: ich weil ich es ihr nicht erklären konnte und die Frau, weil sie es nicht verstand. Mit meinen Unterrichtsmaterialien voller bekritzelter „z“ gehe ich schließlich nach Hause.

    Dienstag

    Eine Gruppe von arabischen Frauen sitzt in einer Ecke der U-förmigen Tische beisammen. Etwas neidisch betrachte ich sie. Sie bleiben meist unter sich, was ich auch verstehen kann. Hätte ich hier jemanden, der eine meiner Sprachen spricht und mich verstehen kann, ich würde auch an deren Seite bleiben.

    Plötzlich rutscht einer jungen Frau das Kopftuch vom Kopf, wohl mit Absicht. Heimlich streicht sie sich durch ihre nun offenen Haare und ein lächeln huscht über ihr Gesicht. Eine starke Geste, doch niemandem scheint es aufzufallen. Bevor der Kurs endet und alle den Raum verlassen, sitzt das Kopftuch wieder perfekt auf ihrem Kopf.

    Es ist Nachmittag, wir beginnen den Unterricht mit dem Lesen eines Dialogs. In dem Dialog sprechen ein Mann (Verkäufer) und eine Frau (Kundin) zusammen. Jeder ist einmal an der Reihe, bis am Ende nur noch zwei Männer übrig sind. Als die Lehrerin vorschlägt, einer liest den Mann und einer die Frau, lachen beide. Was für ein guter Witz, meint der eine. Doch die Lehrerin will das nicht hören, die Männer sollten das unter sich ausmachen, wer welchen Part ließt. Es beginnt eine heftige Diskussion, wer den nun die Frau, und wer den Mann lesen soll. Am Ende ließt die Lehrerin den Part der Kundin, weil sich keiner der Männer dazu bereit gefühlt hat, einen weiblichen Charakter zu lesen.

    Im Kurs fangen wir erst mal ganz von vorne an. Vom richtigen Grüßen über die persönliche Vorstellung bis hin zu den Buchstaben und Zahlen.

    Mittwoch

    Den Unterricht heute leiten zwei pensionierte Herren. Bei der Vorstellungsrunde zu ihrem Kurs ein paar Tage zuvor musste ich als einzige an die Tafel kommen, eine Karte von Italien drauf malen und zeigen, von wo genau ich herkomme. Daraufhin folgte eine Schwärmerei ihrerseits über Sommerurlaube, Strand und Pizza. Diese Erfahrung war mir schon damals etwas unangenehm. Heute begrüßen sie mich mit einem „Ciao Signorina“ und lächeln mich strahlend an. Ich lächle etwas gezwungen zurück.

    Wir starten mit einem Laufdiktat.

    In Gruppen arbeiten wir zusammen, einer muss der Schreiber sein, ich melde mich. Jede Gruppe hat denselben kleinen Text in verschiedenen Ecken an die Wand geklebt. Die anderen gehen vom Text an der Wand immer wieder zu mir und sagen mir kleine Passagen daraus vor, die ich aufschreibe. Der erste Satz gibt mir schon die Vorahnung eines flauen Gefühls. Er lautet: „Hi mein Name ist Bianca, ich bin Italienerin“. Könnte auch Zufall sein, denke ich mir. Immerhin ist mein Name nicht Bianca. Doch der Text geht weiter, und mit jedem neuen Satz rutsche ich etwas tiefer in den hölzernen Stuhl. „Ich bin nach Frankreich gezogen wegen der Liebe. Ich bin 31 Jahre alt. Ich studiere derzeit an einer deutschen Hochschule. Ich wohne in Quimper. Ich liebe Frankreich.“ Wie erstarrt sitze ich da und versuche, eins mit dem Stuhl zu werden, so peinlich ist mir die Situation. Am anderen Ende des Raums sehe ich die beiden älteren Herren, die mich begeistert anlächeln und die Daumen nach oben heben.

    Wie nett, dass sie zumindest meinen Namen geändert haben, denke ich noch.

    Donnerstag

    Heute steht ein kleines Fest für uns Kursteilnehmer an. Obwohl die Lehrerin erklärt hat, was wir feiern, scheinen es die wenigsten zu wissen. Auch ich habe keine Ahnung, doch ich freue mich. Wir gehen in den Vorraum des MPT, der extra dazu dekoriert wurde. Aus den weißen Schultischen wurde eine Theke geformt, hinter der eine motivierte Frau Tee und Kaffee ausschenkt. Zudem stehen auf den Tischen Plastikteller mit trockenem Kuchen drauf. Nachdem sich jeder bedient hat, wird es wieder ruhig. So stehen wir nun da. Die meisten allein. In einer Hand den weißen Plastikbecher mit dem Heißgetränk, in der anderen ein Stück Kuchen. Unangenehme Stille breitet sich im Raum aus. Die Lehrer versuchen, Kommunikation zu betreiben, die Stimmung etwas feierlicher zu gestalten. Doch Konversation ist schwierig in einem Kurs, der gerade erst begonnen hat. Es gibt kleine Grüppchen mit Personen, die dieselbe Sprache sprechen, doch die meisten stehen, wie ich, einfach nur peinlich berührt herum. Als nach ein paar Minuten die ersten Teilnehmer gehen, tun mir die Lehrer etwas leid. Also raffe ich mich nochmal auf und mache den Versuch einer zaghaften Konversation mit Blicken und Gesten, lächle eine Frau an und frage „ca va?“, wie gehts? Zurück kommt ebenfalls ein „ca va.“ Zu recht viel mehr Konversation sind wir beide noch nicht fähig. Noch ein paar Minuten länger bleibe ich, doch dann werde auch ich schwach und schleiche heimlich aus dem Raum.

    Freitag

    Das ältere Paar, beide Pensionisten, kenne ich schon von letzter Woche. Sie beginnen den Unterricht mit demselben Wort-Quiz wie schon eine Woche zuvor. Niemandem scheint es aufzufallen und das erste mal glänze ich bei einem der Übungen, da die Lösungen aus letzter Woche immer noch in meinem Kopf sind. Warum mir beim zweiten Quiz, das neu ist, plötzlich nichts mehr einfallen will, verwundet die beiden Lehrer etwas.

    Nach einer erneuten schriftlichen Übung, die ich schnell beendet habe, legt mir ein Lehrer nahe, doch in den Fortgeschrittenen-Kurs aufzusteigen. Ich würde ihm gerne erklären, dass ich zwar schriftlich ganz gut bin, aber die französische Sprache noch nicht wirklich sprechen kann. Doch mir fehlen die Worte dafür. Stattdessen starre ich ihn nur an und versuche mich an die passenden Worte für diese Situation zu erinnern. Nach einer Weile peinlichen Gestammelns winkt er schließlich ab. Ich glaube er hat mich verstanden. Ich bleibe wohl noch eine Weile im Kurs für Anfänger.

    Abschluss:

    Ich lerne in diesem Kurs sehr viel. Klar, ich lerne die Sprache. Aber ich lerne auch viel über andere Menschen und deren Kulturen. Zwei mal die Woche sitze ich zusammen mit Menschen aus der Türkei, Nepal, Sri Lanka, Algerien, Brasilien, Afghanistan, den Komoren, Madagaskar, Marokko und dem Irak. Die Zusammenarbeit mit diesen Menschen bereichert mich. Im Laufe des Jahres sprechen wir über Bräuche, Traditionen und Zeremonien. Wir sprechen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, tauschen Rezepte aus und laden einander zu Festen ein. Wir sprechen über unsere Hoffnungen und Träume und über unsere Wünsche für diese Welt. Am Ende jeden Kurses habe ich das Gefühl, etwas reicher nach Hause zu gehen.

    Das Maison pour tous ist ein soziokulturelles Zentrum und für die Bewohner des Viertels ein wichtiges Zentrum für die Freizeitgestaltung. Es bietet Kurse und kulturelle Veranstaltungen an.
  • Ein Leben für eine Million Steinchen

    Ein Leben für eine Million Steinchen

    Wie die Mosaik-Restauratoren von Venedig alte Geschichte neu aufleben lassen.

    Die Basilika Santa Maria Assunta auf Torcello ist das älteste, überlebende Gebäude der Lagune

    Stellt euch einen Fußboden vor, der sich wie ein kunstvoller Teppich aus Stein unter euren Füßen erstreckt. Geometrische Formen winden sich wie verschlungene Bänder durch den Raum gleich einer Schlange, die Muster um Muster in den Boden zeichnet, rot, blau, schwarz, weiß, gelb. Scheinbar wahllos wechseln sich die Steinchen ab um dann am Ende doch ein ganzes Muster zu ergeben. Kleine Quadrate, spitze Dreiecke und Rauten in den Farben des Regenbogens ergeben Kreise wie Sonnen und Wellen, die an das Meer erinnern. Es ist eine Landschaft aus Marmor, die Geschichte erzählt.

    Es ist ein auffallend warmer Tag im Januar, die Sonne erwacht gerade über dem Horizont und taucht die Lagune um Venedig in warmes, goldgelbes Licht. Vögel ziehen Kreise übers Wasser und Seidenreiher suchen im schlammigen Untergrund nach ihrem ersten Futter. Das laute Tuckern des Bootes durchbricht die Stille des Morgens und kündigt die ersten Besucher auf Torcello an. An der Anlegestelle der Insel verlassen Massimo Grasso und Michele Montanaro das Boot. Hier, inmitten der Lagune von Venedig, zwischen einzelnen Häusern und verlassenen Feldern, beginnt ihr Arbeitstag.

    Die massiven Holztüren der Basilika Santa Maria Assunta schwingen knarrend auf und die Mosaicisti, wie die Mosaik-Restauratoren hier genannt werden, betreten ihren Arbeitsplatz.

    Die Geräusche ihrer schweren Stiefel hallen an den alten Steinmauern wieder, als sie vorsichtig über die kostbare Bodenfläche schreiten. Unter ihren Sohlen befinden sich 80qm aus winzigen, bunten Marmorsteinen, das älteste Mosaik in der Lagune von Venedig.

    Die Basilika – das älteste Gebäude der Lagune

    Die Basilika Santa Maria Assunta ist das älteste, überlebende Gebäude in der Lagune: Aufgrund einer auf einer Mauer gefundenen Inschrift wird der Bau der Basilika auf das Jahr 639 datiert – ein Zeugnis aus einer Zeit, als Torcello noch das pulsierende Herz der Lagune war. Einst eine blühende Siedlung mit mehr Bewohnern als Venedig selbst, verfiel die Insel ab dem 15. Jahrhundert. Seuchen und Versumpfung zwangen die Menschen zur Flucht, zurück blieben Ruinen und Geschichten.

    Die Mosaiken der Basilika gehören zu den ältesten noch erhaltenen Werken in der Lagune. Sie wurden vor mehr als 1.300 Jahren geschaffen, haben zahlreiche Umwelteinflüsse überdauert und sind nun eines der wenigen Relikte aus der frühen Geschichte dieser Region.

    Der erste Gang am Morgen führt Massimo und Michele zu einem kleinen Nebenraum rechts vom Altar. Dieser Raum wurde zur Werkstatt und zum Besprechungszimmer umfunktioniert. Leichte Staubpartikel tanzen in der Luft und ein kühler Luftzug durchdringt den Raum. Ein Tisch in der Mitte, Regale an den Seiten. Die Wände sind mit durchsichtigen Plastikplanen abgedeckt, um die Fresken dahinter nicht zu beschädigen. Auf den Regalen liegen Sortierschalen mit hunderten kleinen Marmorsteinchen darin, genannt Tesserae, schwarze, weiße, gelbe, rote und blaue.

    Auf dem Tisch liegt ein großer Plan vom Mosaikboden der Kirche und ist mit dicken schwarzen Stift in kleine Abschnitte unterteilt. Haben die Mosaicisti einen Abschnitt fertig restauriert, färben sie den dazugehörigen Teil auf der Karte blau ein. Viel weiß ist nicht mehr übrig, die Mosaicisti sind nach über einem Jahr Arbeit nun am Ende angelangt.

    Der Plan des Mosaik-Fußbodens zeigt den Mosaicisti eine genaue Übersicht ihrer Arbeit

    Wie alles begann

    Angefangen hat die Arbeit in der Basilika hier im Herbst 2023. Ein Abschnitt nach dem anderen wurde sorgfältig studiert: In welchem Zustand befindet sich das Mosaik? Welche Schritte sind notwendig? Welche Tesserae müssen ausgetauscht werden, wo fehlen die Steine ganz?

    Nach der Analyse und sorgfältiger Katalogisierung und Nummerierung der einzelnen Steine beginnt die aufwendige Restaurierung. Die Tesserae werden vorsichtig aus dem Mosaik gelöst und in die Werkstatt gebracht. Dort entfernt eine Schleifmaschine den alten Mörtel und die Malta vergangener Restaurierungen. Anschließend wandern die Steinchen in ein ionisierendes Bad, das sie von eingelagertem Salz befreit – ein ungewöhnlicher, aber notwendiger Schritt in einer Kirche, die immer wieder vom Hochwasser betroffen ist. Nach der Reinigung werden die Steine sorgfältig sortiert und vorbereitet, bevor sie an ihrem ursprünglichen Platz im Mosaik wieder eingesetzt werden können.

    Wenn Fehler für immer sind

    Gerade arbeiten die Mosaicisti an dem finalen Arbeitsschritt, das Wiedereinsetzen der kleinen Steinchen zu einem ganzen Bild. Abschnitt für Abschnitt nehmen sie sich dabei vor, mit jener unabdingbaren Ruhe, die in allen Restauratoren hier innewohnt. „Das ist eine Arbeit, die man nicht in Eile machen kann. Denn wenn du einen Fehler machst, etwas kaputt machst, hast du es für immer zerstört. Wir können nicht einfach die Handwerker der Antike herholen, damit sie das nochmal machen. Deshalb braucht es viel Aufmerksamkeit, Konzentration und Ruhe“, erklärt Massimo. An Ruhe mangelt es ihm nicht. Seine ganze Person strahlt Gelassenheit aus. Kniet er an seinem Abschnitt am Boden, kann er ganz in seiner Arbeit versinken. Dann schrumpft seine Welt auf diesen Augenblick zusammen: Stein auswählen, Malta anbringen, Stein einsetzen. Mit einem nassen Schwamm drüber wischen, fertig. Ein kurzer, zufriedener Blick, bevor er wieder von vorne anfängt.

    Das Salz des Meerwassers hinterlässt mit der Zeit tiefe Furchen im kostbaren Marmor.

    Der Kampf gegen das Wasser

    Bei einem Rundgang durch den noch nicht restaurierten Teil der Kirche nimmt Michele das Mosaik genau in Augenschein. Manche der größeren Tesserae zeigen tiefe Löcher. Diese Löcher im Stein entstehen vor allem durch das Salzwasser, das in den letzten Hunderten von Jahren durch das Hochwasser herein floss. Andere Steine fehlen ganz, sie haben sich im Laufe der Zeit aufgelöst. „Das ist ein großes Problem“, seufzt Michele. „Wir können die Löcher nicht lassen, da ansonsten das ganze Mosaik in Gefahr ist.“ Durch Löcher im Mosaik kann es zu einer Verschiebung einzelner Steine kommen. Das Werk wäre dann zu fragil. Steine, die fehlen, müssen daher mit neuem Marmor ersetzt werden.

    Die antike Technik der Steinbearbeitung

    Diese Aufgabe hat heute Giovanni Cucco, der Meister-Restaurator des Teams. Giovanni könnte schon längst in den Ruhestand gehen. Seine Vita ist beträchtlich: Er restaurierte sich buchstäblich einmal um die Welt, von Italien nach Athen, über Spanien bis nach Amerika. Mit seinen weißen Haaren und der leicht gebückten Haltung steht er heute im Kirchenschiff und beugt sich über den Amboss, in der Hand hält er einen kleinen Hammer mit gewölbter Klinge. Marmorplatten unterschiedlicher Größe stapeln sich auf dem Tisch neben ihm. „Dies hier ist die Technik, die auch schon die alten Römer und Griechen zum Zerteilen von Stein verwendeten“, erklärt Giovanni. Und damit ist nicht nur die Apparatur gemeint. Denn um das Mosaik so authentisch wie möglich zu restaurieren, werden nur die alten Techniken verwendet, von der Zusammensetzung der Malta bis hin zum einsetzen der Steine soll alles so historisch korrekt wie möglich sein.

    Abgesehen vom Austauschen der Steine gibt es noch eine andere Möglichkeit, kaputte Tesserae zu ersetzen. „Wenn ein Stein nicht mehr schön ist, reicht es auch manchmal, in einfach umzudrehen, wenn die Rückseite noch gut erhalten ist“. Michele hält einen Stein in die Höhe und rückt näher ans Licht der von der Decke baumelnden Lampe hin, um die Hinterseite zu untersuchen. „Wir schleifen dann einen Teil davon ab und setzen den Stein in der Malta etwas höher wieder ein.“ Bei einigen Steinen ist das eine gute Alternative. So wird am Ende für jeden einzelnen Stein entschieden.

    Woher das Geld für die Restauration des kostbaren Marmorbodens kommt, ist eher ungewöhnlich.

    Über ein ganzes Jahr haben die Mosaik-Restauratoren an diesem Boden gearbeitet.

    Die Organisation, die Venedig retten soll

    Fragt man einen Venezianer, was Save Venice ist, bekommt man meist nur ahnungslose Blicke. Die amerikanische non-profit-Organisation, die sich seit mehr als 50 Jahren für den Erhalt der Kunstschätze in Venedig einsetzt, ist bei den Einwohnern kaum bekannt. Der Palazzo, in dem ihr Büro ist, liegt direkt am Canal Grande. Hier arbeitet Gabriele Matino. Er ist einer der Mitarbeiter für das Büro von Save Venice in Venedig.

    Obwohl Save Venice nicht die einzige Organisation mit dem Ziel der Erhaltung von Venedig ist, ist sie doch bei weitem die größte. „Angefangen hat alles mit der großen Flut im November 1966“, beginnt Gabriele die Geschichte. Damals stieg der Wasserstand in Venedig auf alarmierende 194cm. Dies brachte erstmals die Aufmerksamkeit der Welt auf den fragilen Zustand der Stadt. Einige Organisationen wurden daraufhin gegründet, unter anderem auch Save Venice. „Heute ist sie die größte Organisation, die die Restaurationen von Kulturgut in Venedig finanziell unterstützt“, meint Gabriele Matino. Das Büro mit seiner minimalistischen Einrichtung wirkt größer als es ist, an den Wänden stapeln sich die Aktenordner auf Regalen bis zur Decke. „In diesen Ordnern sind all unsere Konservierungsprojekte der letzten 50 Jahre darin“, verkündet er stolz.

    In den Augen von Save Venice gehört Venedig der ganzen Welt. Deshalb soll sich auch die ganze Welt verantwortlich dafür fühlen, Venedig zu erhalten, so das Motto der Organisation.

    Auf Fragen zu der Zukunft von Venedig wird Gabriele etwas unsicher. Klar, er als gebürtiger Venezianer hat genauso Angst um seine Stadt, wie alle anderen auch. Doch als Mitglied von Save Venice denkt er nicht so viel an die Zukunft. „Unser Job ist es, das zu erhalten, was schon da ist. Wir haben nicht viel damit zu tun, was aus der Stadt einmal wird. Was uns interessiert, sind die Kunstwerke und deren Restaurierung.“

    Geplant war die Fertigstellung des Mosaikbodens in der Basilika auf Torcello bereits im Herbst 2024. Doch die Arbeiten verzögerten sich. Für Save Venice ist das kein Problem, denn Gelder sind genug da. Über 500.000€ hat die Restaurierung des Fußbodens der Basilika bis jetzt gekostet. „Wir können es uns leisten, mehr Geld für die Restaurierungen auszugeben, auch wenn sie länger dauern als geplant. Denn, je besser die Restaurierung ist, desto länger hält sie auch“, schließt Gabriele Matino.

    Ein Leben für die Vergangenheit

    Es ist Abend, in der Kirche auf Torcello wird es dunkel. Wie jeden Tag muss Michele Massimo daran erinnern, das schon Feierabend ist und sie jetzt nach Hause gehen sollten. Nach einem ganzen Tag kniend auf dem Boden, muss sich Massimo erst mal strecken. Obwohl seine Glieder es gewohnt sein müssten, über Stunden am Boden auszuharren, wird der eine oder andere Muskel doch steif. Am Ende des Tages wirkt sein Blick müde, aber auch zufrieden. Noch schnell wird aufgeräumt, dann geht das Licht aus. Wasser und Strom werden ausgeschaltet und mit einem leisen klick schließen sich die Türen. Die Schritte werden leiser, in der Basilika kehrt wieder Ruhe ein.

    Das Leben der Mosaicisti ein ein Leben voller Leidenschaften – aber auch ein Leben voller Verzicht. Sie gehen dorthin, wo die Kunstwerke sie brauchen. Es ist ein spannendes Leben, ein stilles Leben, ein Leben in der Vergangenheit. Wer dazu bereit ist, muss mehr als nur Talent mitbringen.

    Schon bald werden die Mosaicisti ihre Arbeit hier beenden, der Boden ist nun fast fertig, und bereit für die bewundernden Besucher. Pause bleibt nicht viel, das nächste Projekt wartet schon.