Kategorie: Blog

  • Die stille Macht des Smartphones

    Ich bin Handy-süchtig.

    Klar wurde es mir in dem Moment, als ich in die Küche ging, um mir ein Glas Wasser ins Wohnzimmer zu holen. Und vorher noch schnell mein Handy suchte, um es in die Hosentasche fallen zu lassen. Zu meiner Scham sei gesagt: Die Küche befindet sich im selben Raum, keine 10 Schritte vom Sofa entfernt, auf dem ich gesessen bin. Dieser automatische Griff zum Handy passierte unbewusst. Verschwörungstheoretiker würden sagen, dass Handy manipuliert und steuert uns. Und vermutlich haben sie damit nicht mal so unrecht. Nur dass es keine höhere Macht ist, die uns steuert, sondern wir selbst.

    Noch immer schockiert lies ich mich wieder aufs Sofa fallen und versuchte mich zu erinnern, seit wann ich so war. Vor noch nicht allzu langer Zeit verließ ich das Haus zum spazieren gehen immer ohne Handy…weil ich die Natur und den Ausflug genießen wollte. Jetzt kann ich nicht mehr ohne Handy aufs Klo.

    Was ist passiert?

    Nun zum Einen habe ich mir endlich mal ein besseres Handy gekauft. Dies lässt nun, im Gegensatz zu meinen Früheren Smartphones, viel mehr zu. Es hat z.B. Speicherplatz für mehr als nur 6 Apps, oder kann unendlich viele Songs speichern. Aber diese eine große Veränderung war entscheidend: Ich habe nun durchgehend Internet auf meinem Handy. Das ist etwas, dass ich bislang nur durch den Internetrouter in meiner Wohnung hatte. Ich hatte also, kaum verließ ich die Wohnung, keinen Grund mehr, das Handy in die Hand zu nehmen. Ich wusste, nichts würde bei dem Blick aufs Handy blinken, niemand würde mir schreiben oder eine Reaktion verlangen. Das einzige, was mir mein Handy damals sagte, war die Uhrzeit.

    Jetzt ist das alles anders. Ohne Google maps und Whatsapp unterwegs zu sein, fühle ich mich nackt. Und der eine Gedanke spuckt ständig in meinem Kopf herum: Was wenn etwas passiert? Ich mich verirre, jemanden um Rat fragen muss, einen dringenden Anruf bekomme? Ich fühle mich hilflos ohne das Ding in meiner Hosentasche. Als könnte ich den Alltag nicht mehr allein bewältigen, als würde ich diese Absicherung, im Notfall jemanden anrufen zu können oder den Weg zu googlen, lebensnotwendig brauchen.

    In der Regel verbringe ich täglich fünf bis sechs Stunden an meinem Smartphone. Zugegeben, manche Zeit davon geht drauf wenn ich Musik höre, das Handy aber irgendwo in einer Ecke liegt. Trotzdem ist das extrem viel Lebenszeit. Ich könnte mich ausreden und sagen, dass ich ja auch produktive Dinge mache, wie mit meiner Familie telefonieren oder die Tagesmeldungen lesen. Aber seien wir mal ehrlich: Viel dieser Zeit ist auch nur dump-scrolling und Handyspiele.

    Und so gern ich auch nur mir ganz allein die Schuld für all das geben würde, so muss ich doch auch unsere Gesellschaft anklagen: Wir, die Gesellschaft und ich, haben sich sehr verändert, wir erwarten jetzt mehr. Wir erwarten totale Erreichbarkeit von unseren Mitmenschen. Wir erwarten, dass wir umgehend Antworten auf unsere Nachrichten bekommen und das, wenn jemand bei einem Anruf nicht dran geht, derjenige aber hoffentlich einen guten Grund dafür hatte.

    Und gleichzeitig sind wir misstrauischer Gegenüber unseren Mitmenschen geworden. War es früher üblich, Menschen auf der Straße anzureden und sie nach dem Weg, der Uhrzeit oder Ahnlichem zu fragen, sind wir heute vorsichtiger. Wir trauen unserem Gegenüber nicht mehr.

    Unser Smartphone wird zu unserem besten Freund. Es ist Arzt, Therapeut, Unterhalter, Lehrer und Trainer geworden. Mittlerweile gibt es Apps für alles. Es gibt Apps, die dir medizinische Ratschläge geben und Apps, die dir helfen, deine Bauchmuskeln zu trainieren. Es gibt Apps gegen Depressionen und Apps, die dir den perfekten Tagesplan erstellen. Ja, es gibt sogar Apps, bei denen du dich mit einem imaginären KI-Freund unterhalten kannst.

    Und natürlich gibt es noch „social“ media. Wozu also noch Freunde im realen Leben treffen wenn man auch facetimen kann? Unser Smartphone ersetzt nach und nach soziale Kontakte, während es gleichzeitig jede freie Sekunde, in der wir nichts zu tun haben, mit Infos und Unterhaltungen füllt.

    Was macht das mit uns?

    Der erste, wichtige Punkt ist: Wir fühlen keine Langeweile mehr. Unsere Gedanken sind ständig beschäftigt. Wie wichtig Langeweile jedoch für uns ist, das haben Forscher schon lange herausgefunden.

    Sitzen wir zum Beispiel auf der Couch und langweilen uns, beginnt unser Gehirn von allein aktiv zu werden. Mit von allein meine ich, ohne äußere Einflüsse und Anregungen. In dieser Phase denken wir entweder über uns selbst nach und verarbeiten so vielleicht die eine oder andere kleine Geschichte aus unserer Vergangenheit – oder wir denken uns neue Dinge aus. Kinder können in dieser Phase die aufregendsten und phantasievollsten Spiele erfinden. Und auch wir Erwachsenen werden kreativ. Uns fallen neue Dinge ein, neue Ideen denen wir nachgehen können oder Inspirationen, die uns im Job, in der Familie oder im Leben generell hilfreich sein können.

    Gerade Gedanken, in denen wir über uns selbst nachdenken, sind unglaublich wichtig. Sie helfen uns, Wünsche, Träume und Probleme zu erkennen. Außerdem können wir Gefühle so intensiver fühlen und unsere Emotionen besser einordnen und verstehen. Es hilft uns, mit vergangenem abzuschießen und Pläne für die Zukunft zu machen.

    Diese Zeit der Langeweile wird jedoch immer seltener. Wir nehmen das Smartphone mit aufs Klo, gucken abends im Bett so lange hinein, bis wir einschlafen und nehmen es morgens als erstes in die Hand, wenn wir aufwachen. Müssen wir an der Bushaltestelle für 5 Minuten auf den Bus warten, ist das Handy da.

    Das Erschreckende für mich ist, dass dieser Griff zum Handy bei mir bereits unbewusst läuft. Muss ich irgendwo warten, ist das Handy schon in meiner Hand. Ohne, dass ich Bewusst danach gegriffen hätte. Und ich glaube, vielen Anderen geht es auch so.

    Ich weiß für mich, dass ich da jetzt einiges ändern muss.

    Und wieder mehr in mich hineinzufühlen: Was macht das Handy mit mir? Was verändert sich? Und wie fühlt sich Langeweile nochmal an? Was wird mein Gehirn machen, wenn ich nichts zu tun habe?

    Ich habe mir drei erste Schritte gegen meine Handysucht vorgenommen, die mir helfen, wieder einen bewussteren Zugang dazu zu schaffen:

    Schritt 1: Handy-freie Orte schaffen

    Meine Toilette ist ab sofort eine Handy-freie Zone. Dafür habe ich mir Literatur zugelegt, Comics und Zeitschriften, sollte es doch mal länger dauern.

    Mein Balkon ebenfalls. Habe ich es früher genossen, mit einer Tasse Tee auf die Bäume vor dem Haus zu schauen, war jetzt immer das Handy dabei. Doch damit ist jetzt Schluss. Mein Balkon wird wieder zu der bewussten Pause, die ich brauche.

    Schritt 2. Handy ausschalten

    Das Handy über Nacht ausschalten. Nicht stumm, nicht im Flugmodus, sondern AUS.

    Schritt 3. Handy im anderen Raum

    In Situationen, in denen ich ungestört sein will, bleibt das Handy weg. Beim Schreiben, beim Lesen oder bei Gesprächen mit meinem Freund bleibt das Handy in einem anderen Raum (Oder zumindest in einem anderen Eck des Zimmers, sodass es nicht sofort greifbar oder sichtbar ist). So bin ich ungestört und kann mich ganz auf andere Dinge konzentrieren.

    Hier sind 5 einfach formulierte Fragen, die dir helfen können, deinen Smartphone-Konsum zu hinterfragen und bewusst darüber nachzudenken:

    1. Wann greife ich automatisch zum Handy, ohne bewusst darüber nachzudenken?

    2. Wie fühle ich mich nach 30 Minuten Scrollen oder Chatten?

    3. Habe ich schon mal auf mein Handy geschaut, obwohl ich eigentlich nur kurz die Uhrzeit wissen wollte – und bin dann hängengeblieben?

    4. Wie oft öffne ich eine App, ohne dass ich einen echten Grund habe – nur aus Gewohnheit?

    5. Fällt es mir schwer, mein Handy 30 Minuten nicht anzufassen, wenn ich spazieren gehe oder im Café sitze?

  • Der Tag, der mich auf der sozialen Leiter nach unten riss…

    …und mich für immer veränderte

    Der Blick in seinen Augen zeigt pure Verachtung. Verachtung, Hass und Abscheu. Als wäre ich persönlich Schuld an allem, was in der Welt und in unserer Gesellschaft so schief läuft. Als wäre ich der Anfang allen Übels und das Ende allen Anstands. Und während ich versuche, seinem Blick standzuhalten und mich nicht unterkriegen zu lassen, scheint sein Körper größer und größer zu werden. Sein massiver Leib verdeckt die Sonne und lässt mich mit einem mal furchtbar klein erscheinen. Da gebe ich auf und laufe weg.

    Der Anfang

    Doch auch diese Geschichte fängt, wie viele Geschichten, erst mal harmlos an. Und obwohl schon am Anfang dieser Reise alles schief ging, was schiefgehen konnte, wusste ich das da noch nicht. Meine Reise geht von Quimper nach Venedig, mit einem Flug von Paris. Im Zug von Quimper nach Paris bin ich noch bester Dinge. Die Fahrt ist angenehm, ich nicke zwischendurch mal ein und schaue ansonsten nur träumend aus dem Fenster. In Paris angekommen finde ich erstaunlich schnell den Bus Richtung Flughafen Orly. Vor dem Ticket-Automaten halte ich kurz inne, krame meine Brieftasche hervor und suche nach Geld oder meiner Karte, um die Busfahrkarte für den Shuttle zu bezahlen. Ich suche und suche…doch ich suche vergebens. Kein Geld, keine Karte. Ich bin wie erstarrt, fühle mich gelähmt.

    In meinem Kopf gehe ich schnell die Fakten durch: Ich habe das Flugticket bereits bezahlt, also kann ich fliegen. Aber was mache ich mit dem Bus zum Airport? Oder mit dem Bus in Venedig zu meiner Tante? Was ist mit Essen, mit einer Flasche Wasser? Ich beginne, alle Alternativen zu bedenken, führe verzweifelte Telefonate. Doch niemand weiß Rat. Da hilft nur noch betteln. Eine Odyssee der Schmach und des sich Schämens beginnt.

    Der Kampf

    Sofort beginne ich die Menschen um mich herum genauer zu beobachten: Wer schaut freundlich, offen aus? Und wen sollte ich lieber meiden? Wer schaut so aus, als würde er oder sie gerade einen guten Tag haben? Eine Weile stehe ich nur herum, mache ein paar zögerliche Schritte auf Menschen zu, bevor ich mich dann doch wieder abwende.

    Dann habe ich Glück. Ein Pärchen, dass ich anfrage, kauft mir schließlich die Busfahrkarte. Vor Erleichterung wäre ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen.

    Der Bus fährt ab und bald bin ich am Flughafen Orly in Paris. Doch da wartet die nächste Überraschung auf mich. Mein Flug ist auf keiner Anzeigetafel zu finden. Ich beginne hektisch, nach meinem Ticket zu kramen. Ich finde es und lese….ich lese…Flughafen Charles de Gaulles.

    Da fange ich an zu lachen. Das ist zu viel. All das Kämpfen um das Busticket – umsonst. Ein schneller Check auf die Uhr und mein Ticket sagen mir, dass ich noch zwei Stunden Zeit habe bis zu meinem Abflug.

    Ich versuche nochmal, Paypal auf meinem Handy zu installieren und dieses mal klappt es zum Glück. Jetzt kann ich zumindest einen Uber bezahlen. Gesagt, getan. Eine Stunde Uber-Fahrt später bin ich am richtigen Flughafen. Den ganzen Nachmittag schon habe ich versucht, meine Tante zu erreichen, damit sie mich vielleicht in Venedig am Flughafen abholt – aber vergebens. Bleibt mir nur wieder das Betteln.

    Was dann kommt, werde ich nie vergessen.

    Der Absturz

    Ich bin schon im Flughafen wohlgemerkt – das bedeutet ich habe Geld, kann mir Flüge leisten, schaue nicht heruntergekommen aus und will mir von den 5 Euro die ich brauche, vermutlich auch keine harten Drogen kaufen. Trotzdem reagieren die Menschen genau so. Mit verächtlichen Blicken schauen sie auf mich herab und ich spüre förmlich, wie ich auf der gesellschaftlichen Leiter nach unten sinke und die anderen Menschen denken, sie wären so viel besser als ich. Die Blicke sagen Mitleid, Verachtung, Hass, Abscheu und Ekel. Die meisten Menschen schauen mich nicht mal wirklich an als ich sie anspreche, sondern schauen über mir drüber, an mir vorbei. Als wäre ich etwas, das es nicht Wert ist, angeschaut zu werden.

    Ich würde am liebsten…im Boden versinken, weglaufen, schreien, gegen diese Ungerechtigkeit der Gesellschaft demonstrieren…aber ich tue nichts dergleichen. Schlucke alles runter und bleibe ruhig.

    Schließlich erbarmt sich eine Frau und gibt mir die 5€. Ihre Tochter schaut sie mit großen Augen an und sagt: „Aber Mama, ich dachte wir geben denen nichts“.

    „Denen“. Es schmerzt. Nicht die Bezeichnung, mit der mich das Kind in die Klasse der Bettler gesteckt hat, sondern diese Ungerechtigkeit. Das Menschen sich erniedrigen müssen um genug zu essen zu haben. Dass es Menschen gibt, die sich diese Schmach jeden Tag antun müssen, die diesen Blicken jeden Tag ausgesetzt sind. Und ich bin wütend auf die Menschen, die so herablassend reagieren. Ich bin wütend auf unser Land, indem es so viel Armut gibt, dass wir bereits innerlich abgestumpft sind. Dass wir unsere Reaktion auf Betteleien schon so verinnerlicht haben, dass sie automatisch ablauft: Wegschauen, Kopfschütteln, verächtlicher Seufzer. Als würde die Armut einfach so verschwinden, wenn man sie nur lange genug ignoriert. Dabei geht es nicht darum, jeden armen Menschen Geld zu geben – sondern es geht in erster Linie darum, sie nicht abzuwerten für ihre Armut. Sie nicht gleich automatisch auf eine untere Stufe zu degradieren und sich besser, erhabener zu fühlen. Als wäre man mehr Wert in der Gesellschaft, nur weil man gerade nicht aufs Betteln angewiesen ist.

    Die Lehre

    Und ich bin wütend auf mich selbst, weil genau ich auch manchmal so reagiere, mit wegschauen und ignorieren. Auch ich habe diesen Satz verinnerlicht, der so vielen von uns in unseren Köpfen herumschwirrt: „Ich kann doch nicht jedem was geben. Es gibt zu viele. Zu viel Armut, zu viele bettelnde Menschen am Straßenrand. Ich kann nicht jedem helfen.“

    Wie falsch dieser Satz ist, erkenne ich jetzt. Denn hierbei geht es nur zweitrangig um Geld. In erster Linie geht es um Respekt. Wieso glauben wir, armen Menschen weniger Respekt entgegenbringen zu müssen als reicheren? Wer sind wir zu entscheiden, welcher Mensch mehr Respekt verdient und welcher weniger? Ich kann nicht jedem armen Menschen Geld in die Hand drücken, aber ich kann ihnen Respekt entgegenbringen, indem ich sie als Menschen sehe. Indem ich sie nicht ignoriere, abwerte und in eine Schublade stecke.

    Denn was macht es mit Menschen, was macht es mit ihrem Selbstwert nach Jahren der Herabsetzung und Erniedrigung in der Gesellschaft?

  • Die Angst in mir

    Disclaimer: Die Zeiten, an denen ich an einer Angststörung litt, sind schon lange vorbei. Dennoch möchte ich einzelne Situationen hier in diesem Blog nochmal aufgreifen um zu helfen, Vorurteile abzubauen und mehr Verständnis für psychische Erkrankungen zu schaffen.

    Alle Fingernägel sind abgekaut. Ich sitze auf dem Rand meines Sofas und starre auf die Eingangstür. Auf dieses Stück Holz, dahinter sich eine ganze Welt verbirgt. Die Einkaufstüten stehen bereit, die Schuhe sind angezogen. Und doch sitze ich jetzt schon seit einer halben Stunde hier und starre die Tür an. Ich denke an all die Dinge, die passieren könnten, würde ich sie öffnen und hinaus treten. Ich würde die Kontrolle über meine Umgebung verlieren, alles würde mir plötzlich aus der Hand gleiten. Da draußen sind Menschen, da sind Farben und Blicke. Da sind Motoroller, Busse und Autos und so, so viele Geräusche. Da sind Situationen, auf denen ich keinen Einfluss mehr habe. Alles wäre möglich, alles könnte passieren. Und ich kann mich nicht darauf vorbereiten.

    Und hätte ich den Weg geschafft, ist da der Supermarkt.

    Ich erinnere mich an meinen letzten Einkauf dort. Ich brauchte bloß ein bisschen Gemüse zum Kochen. Und vielleicht Nudeln. Doch schon beim Betreten des Supermarkts hatte mein Gehirn einen Filter aufgelegt, um mich vor der Überreizung zu schützen. Die Musik im Supermarkt vermischte sich mit den Geräuschen der Menschen. Die Buchstaben auf den Produkten verschwammen vor meinen Augen. Ich steuerte wie benebelt auf das erste Regal zu. Shampoos und Duschgels. Brauchte ich Shampoo? Was kann man nochmal mit Shampoo machen? Wofür ist das gut? Und welches ist überhaupt das richtige Produkt? „Du weißt das doch, konzentriere dich!“ Doch je länger ich das Regal anstarrte, desto verschwommener wurden meine Gedanken. Mein Gehirn begann, die Geräusche auszublenden und meine Augen schmerzten von den ganzen Farben und Formen. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen. Ich wollte es schaffen, dieses mal wollte ich es schaffen. Ich ging weiter, wie mechanisch ging ich von Regal zu Regal, schaute mir die Produkte an und sah doch nichts. Ich hatte keine Ahnung mehr, warum ich den Supermarkt betreten hatte oder was ich brauchen würde. Mechanisch griff ich nach Dingen, ohne zu erkennen, was ich da in meine Einkaufstüten packte. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht die Kontrolle verlieren.

    Am Ende verließ ich atemlos den Supermarkt – in meinen Taschen 4 Barren Seife, Butter, 2 Packungen Müsliriegel und kein einziges Stück Gemüse.

    Und nun sitze ich hier, und starre die Tür an. Hinter der sich eine ganze Welt verbirgt. Ich will aufstehen, ein paar mal will ich das. Aber sobald meine Beine das Gewicht meines Körpers spüren, sobald ich realisiere, dass es jetzt los geht, beginnt mein Herz wie wild zu schlagen. Ich höre das Blut, dass durch meine Ohren rauscht und mir wird schwindelig. Schnell hinsetzen, schnell ein paar tiefe Atemzüge. Es hilft. Doch die Eingangstür ist noch immer da. Das Blickduell fängt wieder von vorne an.

    Bis ich nach einer Ewigkeit schließlich aufgebe und mich ins Bett lege. Erschöpft von einem Kampf, den ich mal wieder verloren habe.

  • Vom großen Glück, am Leben zu sein

    Welch Glück ich doch habe…

    Welch gigantisches Glück ich habe, auf dieser Welt zu sein.

    In Europa geboren zu sein. In einem Land ohne Krieg und soziale oder politische Probleme. In Italien geboren zu sein, dem Land der Urlaube und schönen Erinnerungen, bei dessen Erwähnung die Menschen nur an Pizza und dem Meer denken, anstatt an Armut, Krieg und sozialem Notstand.

    Welch Glück ich doch habe…

    Ohne Beeinträchtigung herumgehen zu können. Ohne Erkrankung, ohne Schmerz jeden Tag wieder aufzustehen. Ohne Schlafprobleme einzuschlafen und Morgens munter und fit den neuen Tag zu beginnen.

    Welch Glück ich doch habe…

    Jeden Tag neben meinem Freund aufzuwachen. Meinem Freund, der kein Lügner oder Narzisst ist, mir keinen Schaden zufügt. Der mich liebt und der mir Nähe und Freiheit zuglich schenkt. Und meine einzigen blauen Flecken vom Entgegenrennen der Tür oder vom Stolpern über meine Schuhe kommen.

    Welch Glück ich doch habe…

    Ich darf bleiben. An dem Ort, den ich Heimat nenne. Ich darf bleiben und mich dort entfalten. Ich darf eine Frau küssen und ich darf jede Religion haben, oder auch keine. Ich darf mein Leben selbst bestimmen.

    Welch Glück ich doch habe. Mit einem europäischen Pass in meiner Tasche darf ich über für mich unsichtbare Grenzen wandern. Ich darf über Mauern schreiten, die für Andere undurchdringbar erscheinen.

    Welch Glück ich doch habe…

    Keine Ahnung zu haben. Keine Ahnung von Flucht und Vertreibung, von Angst und Gewalt. Ich lese darin in Büchern und in Zeitschriften. Ich lese von Schiffen die sinken und von Menschen, die erfrieren. Und dann blättere ich die Seite um. Und diese Menschen, die Boote und die Kälte, die sind weg. Als hätte es sie nie gegeben. Zumindest in meiner Welt nicht. Wenn es kalt wird, drehe ich die Heizung auf.

    Welch Glück ich doch habe…

    Nicht zu wissen, was Hunger ist. Auch mir stellt sich jeden Tag die Frage nach dem Essen und ich frage mich…Nudeln kochen oder ins Restaurant? Risotto oder Essen bestellen? Und wenn ich doch mal aufs Essen verzichte, findet sich in meiner Hand stattdessen ein Smoothie. Für manche ist das Nahrung, für mich nur ein Getränk.

    Welch Glück ich doch habe…

    Am vollen Tisch sitzen zu können und darüber zu debattieren, ob das Asylverfahren zu viele „Andere“ durchlässt oder nicht, während ich auf meinem Smartphone den nächsten Sommerurlaub in die Türkei plane.

    Welch Glück ich doch habe, Katharina zu heißen, und nicht Fatima Mohammed. Bestimmt ein schöner Name mit viel Bedeutung. Doch was ein Name alles bewirkt, zeigen viele Studien zu Wohnungs- und Arbeitssuche. Wo Menschen behaupten, sie seien nicht rassistisch. Aber sie wollen sich dann doch im Büro beim Kaffeeautomaten über die gleichen Dinge und Werte unterhalten können. Oder jemanden in der eigenen Wohnung wissen, der die guten alten mitteleuropäischen Werte eben teilt.

    Welch Glück ich doch habe…

    Eine Familie zu haben. Ein Kreis voller liebevoller Menschen, die mich unterstützen und mir bei all meinen Plänen zur Seite stehen. Sie sind da, wenn ich sie brauche, hören zu und fangen mich auf. Welch Glück ich doch habe, in meiner Familie „sein“ zu dürfen, so wie ich bin.

    Welch gigantisches, riesengroßes Glück ich doch habe. Und wie selbstverständlich ich mein Leben damit lebe.