Die Geschichte einer mutigen Frau, die nicht aufhörte zu Träumen

Teil 1: Von einem Mädchen, das mehr wollte

Das erste, das ich von ihr hörte, war ihr Lachen. Es ist die Art von Lachen, bei der man weiß, dass diese Person glücklich ist. Vielleicht nicht immer, vielleicht nicht mal generell. Aber gerade jetzt, in diesem einen Moment, war Shansala glücklich. Sie saß auf einem klapprigen Stuhl im Schatten des kleinen Hauses, umringt von den anderen Mädchen die hier wohnten. So sah ich sie das erste Mal.

Das Haus, vor dem sie saßen, war ein einfaches, flaches Gebäude. Darin befand sich die Küche für die Bewohner. Gegenüber stand ein schlichtes, dreistöckiges Haus. Von den Balkonen, die jedes Stockwerk umringten, kam man direkt in die einzelnen Zimmer, die Richtung Innenhof zeigten. Shansala war eine von mehreren Dauerbewohnern dieses Hauses. Sie und die anderen Mädchen lebten hier, jeweils in einem kleinen Zimmer mit ihren Ehemännern. Shansala und ihr Mann durften dort mietfrei wohnen, solange sie bei der Reinigung der Zimmer mithalf. Die Zimmer im Erdgeschoss wurden an Touristen vermietet. Shansala ist gerade mal Anfang 20, als ich ihr an diesem Abend begegne.

Es ist der nächste Abend und einer nach dem anderen trudeln die Ehemänner der Mädchen ein. Woher sie genau kommen, weiß Shansala nicht. Denn eine fixe Arbeitsstelle haben die meisten nicht. Ein älterer Herr erscheint im Tor. Seine Haare sind grau und er geht etwas gebückt. Ich schätze ihn auf Mitte 50. „Mein Mann“, sagt Shansala seufzend und verschwindet schnell in die Küche, um das Essen für ihn zuzubereiten. Denn erst wenn ihr Mann gegessen hat, darf sie sich etwas nehmen. Wie alle Mädchen und Frauen in Sri Lanka hat auch sie geheiratet, sobald sie alt genug dafür war. Denn eine Frau ohne Ehemann, so etwas gibt es nur selten auf der Insel. Nicht verwunderlich also, dass eine der ersten Fragen, die Shansala mir stellte, war, ob ich verheiratet war. Als ich ihr dann erzählte, ich habe zwar einen Freund, aber wir wären nicht verheiratet, schaute sie mich nur entsetzt an. Eine Frau, die mit einem Mann zusammenwohnt, allerdings ohne Absicherung durch eine Heirat, gibt es in Sri Lanka schlicht nicht.

Eines Abends kommt mich Shansala in meinem Zimmer besuchen. Im Schneidersitz sitzt sie auf meinem Bett und schaut wehmütig aus dem Fenster. Dort draußen, vor dem Haus, sitzen die Männer. Sie trinken Bier und rauchen selbstgedrehte Zigaretten. Wie gerne sie auch mal einen Zug an einer Zigarette nehmen würde, gesteht sie mir. Doch ohne Erlaubnis von ihrem Mann darf sie nicht. Nicht trinken und nicht rauchen. Nicht arbeiten und nicht raus gehen. Und ihr Mann? Der will, dass Shansala rein bleibt. Eine gute Hausfrau. Arbeiten, das hat er ihr erlaubt. „Aber ohne Geld“, sagt sie. Nur fürs Recht, hier wohnen zu dürfen. „Er ist ein guter Mann“, sagt sie dann. Immerhin schlägt er sie nicht. Er lässt sie sogar ziemlich in Ruhe mit allem. Andere Mädchen hätten es nicht so gut.

Es ist unser letzter Abend. Shansala wirkt wie ausgewechselt. Sie ist ernst und nachdenklich. Immer wieder greift sie nach meiner Hand. Wir tauschen Handynummern aus. „Damit wir reden können. Damit mein Englisch besser wird. Damit ich zu dir kommen kann. Arbeiten in Europa. Frei sein. Du hilfst mir doch, oder? Redest mit mir, immer wieder? Mit gutem Englisch kann ich einen Job finden. Ich komme zu dir. Ich kann frei sein“.

In der Unterkunft hat Shansala Freunde. Oft sitzt sie mit den anderen Mädchen zusammen. Dann wird gelacht und getuschelt. Und wenn sie Glück haben und eine von ihnen hat gerade ein Handy dabei, dann surfen sie durch das Internet. Sie machen Fotos von sich mit so vielen Filtern, dass sie irgendwann wie Stars aussehen. Sie schauen sich Bilder und Videos von anderen Menschen an und sehen darin Freiheit. Und wenn ein gutaussehender Junge dabei ist, rücken sie noch etwas näher ran, stecken die Köpfe zusammen und kichern. Und schauen dabei aber immer wieder schuldbewusst über die Schultern, ob es eh niemand merkt.

Und manchmal fangen sie an zu träumen. Von einer anderen Welt. Von einer anderen Gesellschaft. Von einem anderen Leben.

Teil 2: Hoffnung auf Freiheit

5 Monate später

Shansala ruft mich an. Ihre Stimme, die normalerweise immer fröhlich klingt, hat heute einen schweren Unterton. Wir unterhalten uns mit Video, und schon am Hintergrund erkenne ich, dass sie nicht mehr in ihrer alten Unterkunft ist. Dann schließlich lässt sie die Bombe platzen: „I am divorced“, ich bin geschieden, sagt sie nüchtern ins Telefon. Scheidung, ein Wort mit so vielen Bedeutungen in Sri Lanka. Es bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch soziale Ausgrenzung und Verachtung seitens der Gesellschaft. Eine Frau ohne einen Mann ist nichts wert. Eine geschiedene Frau allerdings noch viel weniger. Eine geschiedene Frau wird von der Gesellschaft verbannt.

Sie musste aus dem Hotel ausziehen, sagt sie mir. Obwohl sie dort arbeitete, durfte sie ohne Ehemann dort nicht mehr bleiben. Und einen anderen Job fand sie nicht. Einer geschiedenen Frau will niemand helfen. Mit einer geschiedenen Frau wollen die meisten nichts zu tun haben. Jetzt wohnt sie in dem kleinen Haus ihrer Mutter, zusammen mit ihrer Schwester. Eine eingeschworene Frauengemeinschaft. Sie zeigt mir ihre neue Umgebung und wirkt, trotz ihrer Situation, doch auch ein bisschen stolz. Trotz schlechter Bildqualität kann ich so einiges erkennen. Sie zeigt mir ihr kleines Haus mit offener Feuerstelle zum Kochen. Rings herum ist ein Garten, indem ihre Mutter Chilis und Zitronen anpflanzt. Zudem stehen einige Kokosnuss-Palmen in nächster Umgebung, die sie ernten können. Stolz zeigt mir Shansala den Berg aus Kokosnüssen, den sie erst kürzlich von einer Palme geerntet hat und lächelt dabei. Auf die Frage, ob sie glücklich sei, antwortet sie natürlich mit ja. Eine andere Antwort kennen die Menschen von Sri Lanka kaum.

Shansala erzählt mir, dass sie trotz ihrer Lage nicht den Glauben vergisst. Und immer wieder versucht, Gutes zu tun und anderen Menschen zu helfen. Als sie nicht mehr weiter wusste, ging sie fort. Sie verbrachte einige Zeit in einem Kinderheim für geistig und körperlich beeinträchtigte Kinder. Dort half sie überall mit, wo sie gebraucht wurde. Sie schickt mir Bilder davon. Darauf zu sehen ist ein offener Raum mit einzelnen Betten, und überall Kinder. Kinder, die mit einem kleinen Plastikauto spielen, Kinder, die am Boden gefüttert werden und Kinder, die lachend in die Kamera gucken. Und überall Shansala. Wie sie den Kindern Essen aus kleinen Metallschüsseln gibt. Wie sie gehbehinderte Kinder stützt. Wie sie dankbar lächelt.

Shansala bei unserem Abschied. Meine Hand lässt sie nicht mehr los.