
Christopher Robin Goepfert – Südtirols Geschichtenerzähler
Christopher Robin Goepfert ist genau so, wie man sich einen Geschichtenerzähler vorstellt: barfuß, mit bunten Hosen und offenen, schulterlangen Haaren steht er vor seiner kleinen Mensa, in der er nebenberuflich kocht. Ein Ort zum Kochen ist für ihn immer auch ein Ort, an dem Menschen aufeinander treffen. Und so nutzt er die Pluribar auch als Treffpunkt für Theaterproben, pen&paper-Spieleabenden oder einfach zum Treffen mit Freunden. Und heute auch für unser Gespräch.
Er setzt sich auf einen der Plastikstühle vor seiner Mensa hin, die Füße übereinander geschlagen, die Hände braucht er zum erzählen. Eine ruhige, entspannte Atmosphäre geht von ihm aus. Er ist es gewohnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Mit seiner ruhigen, melodischen Stimme beginnt er zu erzählen.
Christopher wächst in Norddeutschland auf – Mit Hühnern, Ziegen und einem großen, verwilderten Garten. Dort zieht er sich zurück, ließt Bücher und Geschichten und erfindet in Gedanken neue. Er versucht sich am Schreiben eines eigenen Buches, will eigene Geschichten erzählen. Doch schnell wird ihm klar: Das ist viel zu zeitaufwändig. Also macht er eine Ausbildung zum Koch.
Es ist 2010, Christopher zieht der Liebe wegen nach Südtirol. Dort macht er einen Workshop zum improvisierten Geschichtenerzählen und ihm wird klar, dass man zum Geschichten erzählen gar kein eigenes Buch braucht.
Und so pflanzt sich ein Gedanke in seinen Kopf, der ihn nicht mehr loslässt.
Ein Jahr später ist Christopher Geschichtenerzähler. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass man mit Geschichten erzählen überhaupt Geld verdienen kann. Das ging dann ziemlich schnell, im nächsten Jahr hatte ich schon 50 Auftritte“, verkündet er stolz.
Er macht eine Pause, als würde er in Gedanken gerade zu diesem Zeitpunkt zurück wandern. Schüttelt den Kopf und lächelt schließlich. „Ab da war ich dann 7 Jahre lang hauptberuflich Geschichtenerzähler.“
Man sieht ihn, hört ihn zu und weiß: Er ist kein Mensch, der beruflich Geschichten erzählt. Er ist Geschichtenerzähler. Das ist sein Leben. Er ist all die Geschichten, die er schon seit 2010 Hunderten von Menschen erzählt hat. Er lebt sie und er spielt sie.
Dabei geht es ihm nicht ums Geld, nicht um den großen Gewinn. Den hat er, wenn im Publikum die Kinderaugen leuchten. Wenn er sieht, wie die Zuhörer in seine Geschichten eintauchen.
Dabei hat Christopher eine eigene Vorgehensweise entwickelt um die Geschichten, die es ja schon gibt, ganz zu seinen Eigenen zu machen.
„Ich suche eine Geschichte aus, die mir etwas sagt, die mich berührt. Am liebsten erzähle ich Weisheits- und Schelmgeschichten, Narrengeschichten.“ erklärt Christopher und grinst dabei ebenfalls etwas schelmisch.
Nach dem sorgfältigen Auswählen der Geschichte macht er sich erst mal eine Mindmap: eine Landkarte mit allen wichtigen Personen, deren Antrieb und wichtige Ereignisse. Dann erzählt er sich die Geschichte so lange selbst, bis er das Gefühl hat, dass sie zu seiner eigenen Geschichte geworden ist. Am liebsten macht er das in seiner Hängematte, die auch jetzt gerade hinter unserem Tisch zwischen zwei Säulen baumelt.
„Ich habe die Geschichten so verinnerlicht, als wären sie meine eigenen Erinnerungen, mein eigenes Leben. Und daher kann ich sie immer wieder neu erzählen.“
Er bringt Geschichten zum Leben, er bringt Erzählungen aus staubigen Märchenbüchern wieder auf die Straßen, in Hinterhöfe und auf Waldlichtungen. Er spielt mit der Fantasie der Menschen, kreiert mit ihrer Vorstellungskraft eine Welt um sie herum, in der sie nicht nur Zuhörer, sondern auch Akteure sind.
In seinen Geschichten ist er Held und Schurke zugleich, er verkörpert den bösen Wolf und die alte Großmutter. Er ist Stimmenkünstler und Wortverdreher. Er steht nicht auf der Bühne, spielt den anderen nichts vor. Im Gegenteil. Jeder Zuhörer ist selbst im Geschehen, erlebt die Geschichten, die er in die Köpfe der Zuschauer pflanzt, hautnah mit.
Und am Ende passiert der Übergang. Der Wald sie herum löst sich auf, der schäbige Hinterhof verschwindet und mit wenigen Worten leitet er die Zuhörer wieder zurück in die Gegenwart. Doch die Bilder, die er in ihre Köpfe gezaubert hat, die Abenteuer die er mit ihnen erlebt hat, die bleiben. So realistisch, als wären sie selbst Teil davon gewesen.

