Der Tag, der mich auf der sozialen Leiter nach unten riss…

…und mich für immer veränderte

Der Blick in seinen Augen zeigt pure Verachtung. Verachtung, Hass und Abscheu. Als wäre ich persönlich Schuld an allem, was in der Welt und in unserer Gesellschaft so schief läuft. Als wäre ich der Anfang allen Übels und das Ende allen Anstands. Und während ich versuche, seinem Blick standzuhalten und mich nicht unterkriegen zu lassen, scheint sein Körper größer und größer zu werden. Sein massiver Leib verdeckt die Sonne und lässt mich mit einem mal furchtbar klein erscheinen. Da gebe ich auf und laufe weg.

Der Anfang

Doch auch diese Geschichte fängt, wie viele Geschichten, erst mal harmlos an. Und obwohl schon am Anfang dieser Reise alles schief ging, was schiefgehen konnte, wusste ich das da noch nicht. Meine Reise geht von Quimper nach Venedig, mit einem Flug von Paris. Im Zug von Quimper nach Paris bin ich noch bester Dinge. Die Fahrt ist angenehm, ich nicke zwischendurch mal ein und schaue ansonsten nur träumend aus dem Fenster. In Paris angekommen finde ich erstaunlich schnell den Bus Richtung Flughafen Orly. Vor dem Ticket-Automaten halte ich kurz inne, krame meine Brieftasche hervor und suche nach Geld oder meiner Karte, um die Busfahrkarte für den Shuttle zu bezahlen. Ich suche und suche…doch ich suche vergebens. Kein Geld, keine Karte. Ich bin wie erstarrt, fühle mich gelähmt.

In meinem Kopf gehe ich schnell die Fakten durch: Ich habe das Flugticket bereits bezahlt, also kann ich fliegen. Aber was mache ich mit dem Bus zum Airport? Oder mit dem Bus in Venedig zu meiner Tante? Was ist mit Essen, mit einer Flasche Wasser? Ich beginne, alle Alternativen zu bedenken, führe verzweifelte Telefonate. Doch niemand weiß Rat. Da hilft nur noch betteln. Eine Odyssee der Schmach und des sich Schämens beginnt.

Der Kampf

Sofort beginne ich die Menschen um mich herum genauer zu beobachten: Wer schaut freundlich, offen aus? Und wen sollte ich lieber meiden? Wer schaut so aus, als würde er oder sie gerade einen guten Tag haben? Eine Weile stehe ich nur herum, mache ein paar zögerliche Schritte auf Menschen zu, bevor ich mich dann doch wieder abwende.

Dann habe ich Glück. Ein Pärchen, dass ich anfrage, kauft mir schließlich die Busfahrkarte. Vor Erleichterung wäre ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen.

Der Bus fährt ab und bald bin ich am Flughafen Orly in Paris. Doch da wartet die nächste Überraschung auf mich. Mein Flug ist auf keiner Anzeigetafel zu finden. Ich beginne hektisch, nach meinem Ticket zu kramen. Ich finde es und lese….ich lese…Flughafen Charles de Gaulles.

Da fange ich an zu lachen. Das ist zu viel. All das Kämpfen um das Busticket – umsonst. Ein schneller Check auf die Uhr und mein Ticket sagen mir, dass ich noch zwei Stunden Zeit habe bis zu meinem Abflug.

Ich versuche nochmal, Paypal auf meinem Handy zu installieren und dieses mal klappt es zum Glück. Jetzt kann ich zumindest einen Uber bezahlen. Gesagt, getan. Eine Stunde Uber-Fahrt später bin ich am richtigen Flughafen. Den ganzen Nachmittag schon habe ich versucht, meine Tante zu erreichen, damit sie mich vielleicht in Venedig am Flughafen abholt – aber vergebens. Bleibt mir nur wieder das Betteln.

Was dann kommt, werde ich nie vergessen.

Der Absturz

Ich bin schon im Flughafen wohlgemerkt – das bedeutet ich habe Geld, kann mir Flüge leisten, schaue nicht heruntergekommen aus und will mir von den 5 Euro die ich brauche, vermutlich auch keine harten Drogen kaufen. Trotzdem reagieren die Menschen genau so. Mit verächtlichen Blicken schauen sie auf mich herab und ich spüre förmlich, wie ich auf der gesellschaftlichen Leiter nach unten sinke und die anderen Menschen denken, sie wären so viel besser als ich. Die Blicke sagen Mitleid, Verachtung, Hass, Abscheu und Ekel. Die meisten Menschen schauen mich nicht mal wirklich an als ich sie anspreche, sondern schauen über mir drüber, an mir vorbei. Als wäre ich etwas, das es nicht Wert ist, angeschaut zu werden.

Ich würde am liebsten…im Boden versinken, weglaufen, schreien, gegen diese Ungerechtigkeit der Gesellschaft demonstrieren…aber ich tue nichts dergleichen. Schlucke alles runter und bleibe ruhig.

Schließlich erbarmt sich eine Frau und gibt mir die 5€. Ihre Tochter schaut sie mit großen Augen an und sagt: „Aber Mama, ich dachte wir geben denen nichts“.

„Denen“. Es schmerzt. Nicht die Bezeichnung, mit der mich das Kind in die Klasse der Bettler gesteckt hat, sondern diese Ungerechtigkeit. Das Menschen sich erniedrigen müssen um genug zu essen zu haben. Dass es Menschen gibt, die sich diese Schmach jeden Tag antun müssen, die diesen Blicken jeden Tag ausgesetzt sind. Und ich bin wütend auf die Menschen, die so herablassend reagieren. Ich bin wütend auf unser Land, indem es so viel Armut gibt, dass wir bereits innerlich abgestumpft sind. Dass wir unsere Reaktion auf Betteleien schon so verinnerlicht haben, dass sie automatisch ablauft: Wegschauen, Kopfschütteln, verächtlicher Seufzer. Als würde die Armut einfach so verschwinden, wenn man sie nur lange genug ignoriert. Dabei geht es nicht darum, jeden armen Menschen Geld zu geben – sondern es geht in erster Linie darum, sie nicht abzuwerten für ihre Armut. Sie nicht gleich automatisch auf eine untere Stufe zu degradieren und sich besser, erhabener zu fühlen. Als wäre man mehr Wert in der Gesellschaft, nur weil man gerade nicht aufs Betteln angewiesen ist.

Die Lehre

Und ich bin wütend auf mich selbst, weil genau ich auch manchmal so reagiere, mit wegschauen und ignorieren. Auch ich habe diesen Satz verinnerlicht, der so vielen von uns in unseren Köpfen herumschwirrt: „Ich kann doch nicht jedem was geben. Es gibt zu viele. Zu viel Armut, zu viele bettelnde Menschen am Straßenrand. Ich kann nicht jedem helfen.“

Wie falsch dieser Satz ist, erkenne ich jetzt. Denn hierbei geht es nur zweitrangig um Geld. In erster Linie geht es um Respekt. Wieso glauben wir, armen Menschen weniger Respekt entgegenbringen zu müssen als reicheren? Wer sind wir zu entscheiden, welcher Mensch mehr Respekt verdient und welcher weniger? Ich kann nicht jedem armen Menschen Geld in die Hand drücken, aber ich kann ihnen Respekt entgegenbringen, indem ich sie als Menschen sehe. Indem ich sie nicht ignoriere, abwerte und in eine Schublade stecke.

Denn was macht es mit Menschen, was macht es mit ihrem Selbstwert nach Jahren der Herabsetzung und Erniedrigung in der Gesellschaft?