Wie ich in einem Französischkurs ganz nebenbei noch die Welt kennenlernte

Der Raum erinnert an ein Klassenzimmer der 90er Jahre. Die Tische, leicht schräg kippbar, sind in U-Form angeordnet. An der Wand hängt ein großes Whiteboard, das als Tafel dient. Daneben ein Beistelltischchen mit einem CD-Player drauf. An den Wänden hängt eine vergilbte Karte von Frankreich. Vor der Tür knattert die Kopiermaschine. Ich fühle mich zeitversetzt.
Als Erwachsene wieder in einem Klassenzimmer zu sitzen fühlt sich ungewohnt an. Da ist plötzlich wieder dieser Ebenen-Unterschied. Ich fühle mich klein und verletzlich, als würde ich freiwillig fremden Menschen Macht über mich geben. Was die Lehrer sagen, das passiert. Als selbstbestimmter Mensch ordne ich mich wieder freiwillig unter. Ich muss leise sein, ruhig sitzen bleiben, muss Bescheid geben wenn ich den Raum verlasse um aufs Klo zu gehen. Als ich mir unterrichtsferne Notizen in ein Heft mache, werde ich mit einem Kopfschütteln zurechtgewiesen. Botschaft: Ich bin die Lehrerin. Du darfst nur das machen, was ich dir sage.
Der Anfang
Es ist September, die Schule sperrt die Tore auf und die ersten Studenten betreten die Universität. Und auch für mich beginnt die Zeit des Lernens. Der Sprachkurs für Immigranten in Quimper startet an diesem regnerischen Septembermorgen.
Voller Vorfreude betrete ich das Gebäude des MPT, des Maison pour tout, dem Haus für alle. Die Frau hinter dem Schalter lächelt freundlich, als ich durch die Eingangstür komme. Mit einfachen Sätzen, die ich vorher übersetzt und auswendig gelernt habe, erkläre ich ihr, dass ich mich gerne anmelden würde und zeige mit der Hand auf dem Flyer zum Sprachkurs, der an der Wand hängt. Sie nickt und beginnt, ein Formular für mich auszufüllen. Als ich mein Herkunftsland, Italien, angebe, entsteht eine Pause. Ein ratloser, verwirrter Blick trifft mich und sie fragt mich etwas auf französisch, dass ich nicht verstehe. Also werden andere Personen hinzugezogen. Gedämpft unterhalten sie sich und zeigen dabei immer wieder auf mich. Nervös frage ich mich, was ich denn falsch gemacht haben könnte. Nach einer Weile erklärt mir die Sekretärin im gebrochenen Englisch, dass sie gerade diskutieren, ob ich als Italienerin genug Immigrantin bin, um an dem Kurs teilzunehmen. Nach einer aufregenden Diskussion scheint es immer noch niemand so recht zu wissen, aber schließlich lassen sie mich doch hinein.
Montag
Bonjour, je suis Jasma, je suis marriée e j’ai cinque enfants“
„Bonjour, ich bin Jasma, ich bin verheiratet und habe 5 Kinder.“
Es ist der erste Tag meines Immigranten-Sprachkurses in Frankreich. In der Vorstellungsrunde bin ich die einzige Europäerin und mir wird schnell klar: andere Kulturen legen den Fokus der Vorstellung definitiv auf andere Dinge als ich. Während ich über mein Alter spreche, meine Herkunft und das ich gerade eine Ausbildung mache, beginnen andere die Vorstellung mit ihrem Beziehungsstatus und der Anzahl der Kinder. Am Ende meiner Vorstellung fragt mich eine erstaunte Teilnehmerin, ob ich denn verheiratet sei und Kinder habe, da ich das bei meiner Vorstellung wohl vergessen hätte. Ich verneine und bekomme daraufhin einige mitleidige Blicke. Als die Vorstellungsrunde beendet ist, bin ich von den 14 Teilnehmern die einzige unverheiratete Person ohne Kinder.
Erst da wird mir erst so richtig klar: Das ist ein Ort, an dem verschiedenste Kulturen für zwei Tage in der Woche aufeinander prallen.
Der Unterricht beginnt und ich merke schnell, dass ich aus einem anderen Grund hier bin als die Anderen. Ich spreche kein Französisch, kann aber die lateinische Schrift lesen und schreiben. Die meisten anderen Teilnehmer leben schon einige Jahre in Frankreich, können dementsprechend gut sprechen. Nur sind sie mit den lateinischen Schriftzeichen nicht vertraut. Deshalb beginnt der Unterricht heute auch mit dem lernen des Alphabets. Zümra, eine 80-Jährige Frau aus der Türkei und heute meine Sitznachbarin, gerät bei dem Buchstaben „z“ in Panik. Schnell nimmt sie sich meine Unterlagen und kritzelt ein „z“ nach dem anderen hinein, stellt mir Fragen auf Französisch, die ich nicht verstehe. Aber ich meine zu verstehen, worum es geht. Die Lehrerin hat auf der Tafel die alte Schreibweise des „z“ aufgeschrieben. Die Frau neben mir kennt aber nur die neue Schreibweise. Ich versuche ihr durch Handzeichen zu erklären, dass es für diesen Buchstaben zwei Schreibweisen gibt und das beide korrekt sind. Doch am Ende geben wir beide frustriert auf: ich weil ich es ihr nicht erklären konnte und die Frau, weil sie es nicht verstand. Mit meinen Unterrichtsmaterialien voller bekritzelter „z“ gehe ich schließlich nach Hause.
Dienstag
Eine Gruppe von arabischen Frauen sitzt in einer Ecke der U-förmigen Tische beisammen. Etwas neidisch betrachte ich sie. Sie bleiben meist unter sich, was ich auch verstehen kann. Hätte ich hier jemanden, der eine meiner Sprachen spricht und mich verstehen kann, ich würde auch an deren Seite bleiben.
Plötzlich rutscht einer jungen Frau das Kopftuch vom Kopf, wohl mit Absicht. Heimlich streicht sie sich durch ihre nun offenen Haare und ein lächeln huscht über ihr Gesicht. Eine starke Geste, doch niemandem scheint es aufzufallen. Bevor der Kurs endet und alle den Raum verlassen, sitzt das Kopftuch wieder perfekt auf ihrem Kopf.
Es ist Nachmittag, wir beginnen den Unterricht mit dem Lesen eines Dialogs. In dem Dialog sprechen ein Mann (Verkäufer) und eine Frau (Kundin) zusammen. Jeder ist einmal an der Reihe, bis am Ende nur noch zwei Männer übrig sind. Als die Lehrerin vorschlägt, einer liest den Mann und einer die Frau, lachen beide. Was für ein guter Witz, meint der eine. Doch die Lehrerin will das nicht hören, die Männer sollten das unter sich ausmachen, wer welchen Part ließt. Es beginnt eine heftige Diskussion, wer den nun die Frau, und wer den Mann lesen soll. Am Ende ließt die Lehrerin den Part der Kundin, weil sich keiner der Männer dazu bereit gefühlt hat, einen weiblichen Charakter zu lesen.

Mittwoch
Den Unterricht heute leiten zwei pensionierte Herren. Bei der Vorstellungsrunde zu ihrem Kurs ein paar Tage zuvor musste ich als einzige an die Tafel kommen, eine Karte von Italien drauf malen und zeigen, von wo genau ich herkomme. Daraufhin folgte eine Schwärmerei ihrerseits über Sommerurlaube, Strand und Pizza. Diese Erfahrung war mir schon damals etwas unangenehm. Heute begrüßen sie mich mit einem „Ciao Signorina“ und lächeln mich strahlend an. Ich lächle etwas gezwungen zurück.
Wir starten mit einem Laufdiktat.
In Gruppen arbeiten wir zusammen, einer muss der Schreiber sein, ich melde mich. Jede Gruppe hat denselben kleinen Text in verschiedenen Ecken an die Wand geklebt. Die anderen gehen vom Text an der Wand immer wieder zu mir und sagen mir kleine Passagen daraus vor, die ich aufschreibe. Der erste Satz gibt mir schon die Vorahnung eines flauen Gefühls. Er lautet: „Hi mein Name ist Bianca, ich bin Italienerin“. Könnte auch Zufall sein, denke ich mir. Immerhin ist mein Name nicht Bianca. Doch der Text geht weiter, und mit jedem neuen Satz rutsche ich etwas tiefer in den hölzernen Stuhl. „Ich bin nach Frankreich gezogen wegen der Liebe. Ich bin 31 Jahre alt. Ich studiere derzeit an einer deutschen Hochschule. Ich wohne in Quimper. Ich liebe Frankreich.“ Wie erstarrt sitze ich da und versuche, eins mit dem Stuhl zu werden, so peinlich ist mir die Situation. Am anderen Ende des Raums sehe ich die beiden älteren Herren, die mich begeistert anlächeln und die Daumen nach oben heben.
Wie nett, dass sie zumindest meinen Namen geändert haben, denke ich noch.
Donnerstag
Heute steht ein kleines Fest für uns Kursteilnehmer an. Obwohl die Lehrerin erklärt hat, was wir feiern, scheinen es die wenigsten zu wissen. Auch ich habe keine Ahnung, doch ich freue mich. Wir gehen in den Vorraum des MPT, der extra dazu dekoriert wurde. Aus den weißen Schultischen wurde eine Theke geformt, hinter der eine motivierte Frau Tee und Kaffee ausschenkt. Zudem stehen auf den Tischen Plastikteller mit trockenem Kuchen drauf. Nachdem sich jeder bedient hat, wird es wieder ruhig. So stehen wir nun da. Die meisten allein. In einer Hand den weißen Plastikbecher mit dem Heißgetränk, in der anderen ein Stück Kuchen. Unangenehme Stille breitet sich im Raum aus. Die Lehrer versuchen, Kommunikation zu betreiben, die Stimmung etwas feierlicher zu gestalten. Doch Konversation ist schwierig in einem Kurs, der gerade erst begonnen hat. Es gibt kleine Grüppchen mit Personen, die dieselbe Sprache sprechen, doch die meisten stehen, wie ich, einfach nur peinlich berührt herum. Als nach ein paar Minuten die ersten Teilnehmer gehen, tun mir die Lehrer etwas leid. Also raffe ich mich nochmal auf und mache den Versuch einer zaghaften Konversation mit Blicken und Gesten, lächle eine Frau an und frage „ca va?“, wie gehts? Zurück kommt ebenfalls ein „ca va.“ Zu recht viel mehr Konversation sind wir beide noch nicht fähig. Noch ein paar Minuten länger bleibe ich, doch dann werde auch ich schwach und schleiche heimlich aus dem Raum.
Freitag
Das ältere Paar, beide Pensionisten, kenne ich schon von letzter Woche. Sie beginnen den Unterricht mit demselben Wort-Quiz wie schon eine Woche zuvor. Niemandem scheint es aufzufallen und das erste mal glänze ich bei einem der Übungen, da die Lösungen aus letzter Woche immer noch in meinem Kopf sind. Warum mir beim zweiten Quiz, das neu ist, plötzlich nichts mehr einfallen will, verwundet die beiden Lehrer etwas.
Nach einer erneuten schriftlichen Übung, die ich schnell beendet habe, legt mir ein Lehrer nahe, doch in den Fortgeschrittenen-Kurs aufzusteigen. Ich würde ihm gerne erklären, dass ich zwar schriftlich ganz gut bin, aber die französische Sprache noch nicht wirklich sprechen kann. Doch mir fehlen die Worte dafür. Stattdessen starre ich ihn nur an und versuche mich an die passenden Worte für diese Situation zu erinnern. Nach einer Weile peinlichen Gestammelns winkt er schließlich ab. Ich glaube er hat mich verstanden. Ich bleibe wohl noch eine Weile im Kurs für Anfänger.
Abschluss:
Ich lerne in diesem Kurs sehr viel. Klar, ich lerne die Sprache. Aber ich lerne auch viel über andere Menschen und deren Kulturen. Zwei mal die Woche sitze ich zusammen mit Menschen aus der Türkei, Nepal, Sri Lanka, Algerien, Brasilien, Afghanistan, den Komoren, Madagaskar, Marokko und dem Irak. Die Zusammenarbeit mit diesen Menschen bereichert mich. Im Laufe des Jahres sprechen wir über Bräuche, Traditionen und Zeremonien. Wir sprechen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, tauschen Rezepte aus und laden einander zu Festen ein. Wir sprechen über unsere Hoffnungen und Träume und über unsere Wünsche für diese Welt. Am Ende jeden Kurses habe ich das Gefühl, etwas reicher nach Hause zu gehen.


