
Disclaimer: Die Zeiten, an denen ich an einer Angststörung litt, sind schon lange vorbei. Dennoch möchte ich einzelne Situationen hier in diesem Blog nochmal aufgreifen um zu helfen, Vorurteile abzubauen und mehr Verständnis für psychische Erkrankungen zu schaffen.
Alle Fingernägel sind abgekaut. Ich sitze auf dem Rand meines Sofas und starre auf die Eingangstür. Auf dieses Stück Holz, dahinter sich eine ganze Welt verbirgt. Die Einkaufstüten stehen bereit, die Schuhe sind angezogen. Und doch sitze ich jetzt schon seit einer halben Stunde hier und starre die Tür an. Ich denke an all die Dinge, die passieren könnten, würde ich sie öffnen und hinaus treten. Ich würde die Kontrolle über meine Umgebung verlieren, alles würde mir plötzlich aus der Hand gleiten. Da draußen sind Menschen, da sind Farben und Blicke. Da sind Motoroller, Busse und Autos und so, so viele Geräusche. Da sind Situationen, auf denen ich keinen Einfluss mehr habe. Alles wäre möglich, alles könnte passieren. Und ich kann mich nicht darauf vorbereiten.
Und hätte ich den Weg geschafft, ist da der Supermarkt.
Ich erinnere mich an meinen letzten Einkauf dort. Ich brauchte bloß ein bisschen Gemüse zum Kochen. Und vielleicht Nudeln. Doch schon beim Betreten des Supermarkts hatte mein Gehirn einen Filter aufgelegt, um mich vor der Überreizung zu schützen. Die Musik im Supermarkt vermischte sich mit den Geräuschen der Menschen. Die Buchstaben auf den Produkten verschwammen vor meinen Augen. Ich steuerte wie benebelt auf das erste Regal zu. Shampoos und Duschgels. Brauchte ich Shampoo? Was kann man nochmal mit Shampoo machen? Wofür ist das gut? Und welches ist überhaupt das richtige Produkt? „Du weißt das doch, konzentriere dich!“ Doch je länger ich das Regal anstarrte, desto verschwommener wurden meine Gedanken. Mein Gehirn begann, die Geräusche auszublenden und meine Augen schmerzten von den ganzen Farben und Formen. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen. Ich wollte es schaffen, dieses mal wollte ich es schaffen. Ich ging weiter, wie mechanisch ging ich von Regal zu Regal, schaute mir die Produkte an und sah doch nichts. Ich hatte keine Ahnung mehr, warum ich den Supermarkt betreten hatte oder was ich brauchen würde. Mechanisch griff ich nach Dingen, ohne zu erkennen, was ich da in meine Einkaufstüten packte. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht die Kontrolle verlieren.
Am Ende verließ ich atemlos den Supermarkt – in meinen Taschen 4 Barren Seife, Butter, 2 Packungen Müsliriegel und kein einziges Stück Gemüse.
Und nun sitze ich hier, und starre die Tür an. Hinter der sich eine ganze Welt verbirgt. Ich will aufstehen, ein paar mal will ich das. Aber sobald meine Beine das Gewicht meines Körpers spüren, sobald ich realisiere, dass es jetzt los geht, beginnt mein Herz wie wild zu schlagen. Ich höre das Blut, dass durch meine Ohren rauscht und mir wird schwindelig. Schnell hinsetzen, schnell ein paar tiefe Atemzüge. Es hilft. Doch die Eingangstür ist noch immer da. Das Blickduell fängt wieder von vorne an.
Bis ich nach einer Ewigkeit schließlich aufgebe und mich ins Bett lege. Erschöpft von einem Kampf, den ich mal wieder verloren habe.

