Vom großen Glück, am Leben zu sein

Welch Glück ich doch habe…

Welch gigantisches Glück ich habe, auf dieser Welt zu sein.

In Europa geboren zu sein. In einem Land ohne Krieg und soziale oder politische Probleme. In Italien geboren zu sein, dem Land der Urlaube und schönen Erinnerungen, bei dessen Erwähnung die Menschen nur an Pizza und dem Meer denken, anstatt an Armut, Krieg und sozialem Notstand.

Welch Glück ich doch habe…

Ohne Beeinträchtigung herumgehen zu können. Ohne Erkrankung, ohne Schmerz jeden Tag wieder aufzustehen. Ohne Schlafprobleme einzuschlafen und Morgens munter und fit den neuen Tag zu beginnen.

Welch Glück ich doch habe…

Jeden Tag neben meinem Freund aufzuwachen. Meinem Freund, der kein Lügner oder Narzisst ist, mir keinen Schaden zufügt. Der mich liebt und der mir Nähe und Freiheit zuglich schenkt. Und meine einzigen blauen Flecken vom Entgegenrennen der Tür oder vom Stolpern über meine Schuhe kommen.

Welch Glück ich doch habe…

Ich darf bleiben. An dem Ort, den ich Heimat nenne. Ich darf bleiben und mich dort entfalten. Ich darf eine Frau küssen und ich darf jede Religion haben, oder auch keine. Ich darf mein Leben selbst bestimmen.

Welch Glück ich doch habe. Mit einem europäischen Pass in meiner Tasche darf ich über für mich unsichtbare Grenzen wandern. Ich darf über Mauern schreiten, die für Andere undurchdringbar erscheinen.

Welch Glück ich doch habe…

Keine Ahnung zu haben. Keine Ahnung von Flucht und Vertreibung, von Angst und Gewalt. Ich lese darin in Büchern und in Zeitschriften. Ich lese von Schiffen die sinken und von Menschen, die erfrieren. Und dann blättere ich die Seite um. Und diese Menschen, die Boote und die Kälte, die sind weg. Als hätte es sie nie gegeben. Zumindest in meiner Welt nicht. Wenn es kalt wird, drehe ich die Heizung auf.

Welch Glück ich doch habe…

Nicht zu wissen, was Hunger ist. Auch mir stellt sich jeden Tag die Frage nach dem Essen und ich frage mich…Nudeln kochen oder ins Restaurant? Risotto oder Essen bestellen? Und wenn ich doch mal aufs Essen verzichte, findet sich in meiner Hand stattdessen ein Smoothie. Für manche ist das Nahrung, für mich nur ein Getränk.

Welch Glück ich doch habe…

Am vollen Tisch sitzen zu können und darüber zu debattieren, ob das Asylverfahren zu viele „Andere“ durchlässt oder nicht, während ich auf meinem Smartphone den nächsten Sommerurlaub in die Türkei plane.

Welch Glück ich doch habe, Katharina zu heißen, und nicht Fatima Mohammed. Bestimmt ein schöner Name mit viel Bedeutung. Doch was ein Name alles bewirkt, zeigen viele Studien zu Wohnungs- und Arbeitssuche. Wo Menschen behaupten, sie seien nicht rassistisch. Aber sie wollen sich dann doch im Büro beim Kaffeeautomaten über die gleichen Dinge und Werte unterhalten können. Oder jemanden in der eigenen Wohnung wissen, der die guten alten mitteleuropäischen Werte eben teilt.

Welch Glück ich doch habe…

Eine Familie zu haben. Ein Kreis voller liebevoller Menschen, die mich unterstützen und mir bei all meinen Plänen zur Seite stehen. Sie sind da, wenn ich sie brauche, hören zu und fangen mich auf. Welch Glück ich doch habe, in meiner Familie „sein“ zu dürfen, so wie ich bin.

Welch gigantisches, riesengroßes Glück ich doch habe. Und wie selbstverständlich ich mein Leben damit lebe.

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