Wie die Mosaik-Restauratoren von Venedig alte Geschichte neu aufleben lassen.

Stellt euch einen Fußboden vor, der sich wie ein kunstvoller Teppich aus Stein unter euren Füßen erstreckt. Geometrische Formen winden sich wie verschlungene Bänder durch den Raum gleich einer Schlange, die Muster um Muster in den Boden zeichnet, rot, blau, schwarz, weiß, gelb. Scheinbar wahllos wechseln sich die Steinchen ab um dann am Ende doch ein ganzes Muster zu ergeben. Kleine Quadrate, spitze Dreiecke und Rauten in den Farben des Regenbogens ergeben Kreise wie Sonnen und Wellen, die an das Meer erinnern. Es ist eine Landschaft aus Marmor, die Geschichte erzählt.
Es ist ein auffallend warmer Tag im Januar, die Sonne erwacht gerade über dem Horizont und taucht die Lagune um Venedig in warmes, goldgelbes Licht. Vögel ziehen Kreise übers Wasser und Seidenreiher suchen im schlammigen Untergrund nach ihrem ersten Futter. Das laute Tuckern des Bootes durchbricht die Stille des Morgens und kündigt die ersten Besucher auf Torcello an. An der Anlegestelle der Insel verlassen Massimo Grasso und Michele Montanaro das Boot. Hier, inmitten der Lagune von Venedig, zwischen einzelnen Häusern und verlassenen Feldern, beginnt ihr Arbeitstag.
Die massiven Holztüren der Basilika Santa Maria Assunta schwingen knarrend auf und die Mosaicisti, wie die Mosaik-Restauratoren hier genannt werden, betreten ihren Arbeitsplatz.
Die Geräusche ihrer schweren Stiefel hallen an den alten Steinmauern wieder, als sie vorsichtig über die kostbare Bodenfläche schreiten. Unter ihren Sohlen befinden sich 80qm aus winzigen, bunten Marmorsteinen, das älteste Mosaik in der Lagune von Venedig.
Die Basilika – das älteste Gebäude der Lagune
Die Basilika Santa Maria Assunta ist das älteste, überlebende Gebäude in der Lagune: Aufgrund einer auf einer Mauer gefundenen Inschrift wird der Bau der Basilika auf das Jahr 639 datiert – ein Zeugnis aus einer Zeit, als Torcello noch das pulsierende Herz der Lagune war. Einst eine blühende Siedlung mit mehr Bewohnern als Venedig selbst, verfiel die Insel ab dem 15. Jahrhundert. Seuchen und Versumpfung zwangen die Menschen zur Flucht, zurück blieben Ruinen und Geschichten.
Die Mosaiken der Basilika gehören zu den ältesten noch erhaltenen Werken in der Lagune. Sie wurden vor mehr als 1.300 Jahren geschaffen, haben zahlreiche Umwelteinflüsse überdauert und sind nun eines der wenigen Relikte aus der frühen Geschichte dieser Region.
Der erste Gang am Morgen führt Massimo und Michele zu einem kleinen Nebenraum rechts vom Altar. Dieser Raum wurde zur Werkstatt und zum Besprechungszimmer umfunktioniert. Leichte Staubpartikel tanzen in der Luft und ein kühler Luftzug durchdringt den Raum. Ein Tisch in der Mitte, Regale an den Seiten. Die Wände sind mit durchsichtigen Plastikplanen abgedeckt, um die Fresken dahinter nicht zu beschädigen. Auf den Regalen liegen Sortierschalen mit hunderten kleinen Marmorsteinchen darin, genannt Tesserae, schwarze, weiße, gelbe, rote und blaue.
Auf dem Tisch liegt ein großer Plan vom Mosaikboden der Kirche und ist mit dicken schwarzen Stift in kleine Abschnitte unterteilt. Haben die Mosaicisti einen Abschnitt fertig restauriert, färben sie den dazugehörigen Teil auf der Karte blau ein. Viel weiß ist nicht mehr übrig, die Mosaicisti sind nach über einem Jahr Arbeit nun am Ende angelangt.

Wie alles begann
Angefangen hat die Arbeit in der Basilika hier im Herbst 2023. Ein Abschnitt nach dem anderen wurde sorgfältig studiert: In welchem Zustand befindet sich das Mosaik? Welche Schritte sind notwendig? Welche Tesserae müssen ausgetauscht werden, wo fehlen die Steine ganz?
Nach der Analyse und sorgfältiger Katalogisierung und Nummerierung der einzelnen Steine beginnt die aufwendige Restaurierung. Die Tesserae werden vorsichtig aus dem Mosaik gelöst und in die Werkstatt gebracht. Dort entfernt eine Schleifmaschine den alten Mörtel und die Malta vergangener Restaurierungen. Anschließend wandern die Steinchen in ein ionisierendes Bad, das sie von eingelagertem Salz befreit – ein ungewöhnlicher, aber notwendiger Schritt in einer Kirche, die immer wieder vom Hochwasser betroffen ist. Nach der Reinigung werden die Steine sorgfältig sortiert und vorbereitet, bevor sie an ihrem ursprünglichen Platz im Mosaik wieder eingesetzt werden können.
Wenn Fehler für immer sind
Gerade arbeiten die Mosaicisti an dem finalen Arbeitsschritt, das Wiedereinsetzen der kleinen Steinchen zu einem ganzen Bild. Abschnitt für Abschnitt nehmen sie sich dabei vor, mit jener unabdingbaren Ruhe, die in allen Restauratoren hier innewohnt. „Das ist eine Arbeit, die man nicht in Eile machen kann. Denn wenn du einen Fehler machst, etwas kaputt machst, hast du es für immer zerstört. Wir können nicht einfach die Handwerker der Antike herholen, damit sie das nochmal machen. Deshalb braucht es viel Aufmerksamkeit, Konzentration und Ruhe“, erklärt Massimo. An Ruhe mangelt es ihm nicht. Seine ganze Person strahlt Gelassenheit aus. Kniet er an seinem Abschnitt am Boden, kann er ganz in seiner Arbeit versinken. Dann schrumpft seine Welt auf diesen Augenblick zusammen: Stein auswählen, Malta anbringen, Stein einsetzen. Mit einem nassen Schwamm drüber wischen, fertig. Ein kurzer, zufriedener Blick, bevor er wieder von vorne anfängt.

Der Kampf gegen das Wasser
Bei einem Rundgang durch den noch nicht restaurierten Teil der Kirche nimmt Michele das Mosaik genau in Augenschein. Manche der größeren Tesserae zeigen tiefe Löcher. Diese Löcher im Stein entstehen vor allem durch das Salzwasser, das in den letzten Hunderten von Jahren durch das Hochwasser herein floss. Andere Steine fehlen ganz, sie haben sich im Laufe der Zeit aufgelöst. „Das ist ein großes Problem“, seufzt Michele. „Wir können die Löcher nicht lassen, da ansonsten das ganze Mosaik in Gefahr ist.“ Durch Löcher im Mosaik kann es zu einer Verschiebung einzelner Steine kommen. Das Werk wäre dann zu fragil. Steine, die fehlen, müssen daher mit neuem Marmor ersetzt werden.
Die antike Technik der Steinbearbeitung
Diese Aufgabe hat heute Giovanni Cucco, der Meister-Restaurator des Teams. Giovanni könnte schon längst in den Ruhestand gehen. Seine Vita ist beträchtlich: Er restaurierte sich buchstäblich einmal um die Welt, von Italien nach Athen, über Spanien bis nach Amerika. Mit seinen weißen Haaren und der leicht gebückten Haltung steht er heute im Kirchenschiff und beugt sich über den Amboss, in der Hand hält er einen kleinen Hammer mit gewölbter Klinge. Marmorplatten unterschiedlicher Größe stapeln sich auf dem Tisch neben ihm. „Dies hier ist die Technik, die auch schon die alten Römer und Griechen zum Zerteilen von Stein verwendeten“, erklärt Giovanni. Und damit ist nicht nur die Apparatur gemeint. Denn um das Mosaik so authentisch wie möglich zu restaurieren, werden nur die alten Techniken verwendet, von der Zusammensetzung der Malta bis hin zum einsetzen der Steine soll alles so historisch korrekt wie möglich sein.
Abgesehen vom Austauschen der Steine gibt es noch eine andere Möglichkeit, kaputte Tesserae zu ersetzen. „Wenn ein Stein nicht mehr schön ist, reicht es auch manchmal, in einfach umzudrehen, wenn die Rückseite noch gut erhalten ist“. Michele hält einen Stein in die Höhe und rückt näher ans Licht der von der Decke baumelnden Lampe hin, um die Hinterseite zu untersuchen. „Wir schleifen dann einen Teil davon ab und setzen den Stein in der Malta etwas höher wieder ein.“ Bei einigen Steinen ist das eine gute Alternative. So wird am Ende für jeden einzelnen Stein entschieden.
Woher das Geld für die Restauration des kostbaren Marmorbodens kommt, ist eher ungewöhnlich.

Die Organisation, die Venedig retten soll
Fragt man einen Venezianer, was Save Venice ist, bekommt man meist nur ahnungslose Blicke. Die amerikanische non-profit-Organisation, die sich seit mehr als 50 Jahren für den Erhalt der Kunstschätze in Venedig einsetzt, ist bei den Einwohnern kaum bekannt. Der Palazzo, in dem ihr Büro ist, liegt direkt am Canal Grande. Hier arbeitet Gabriele Matino. Er ist einer der Mitarbeiter für das Büro von Save Venice in Venedig.
Obwohl Save Venice nicht die einzige Organisation mit dem Ziel der Erhaltung von Venedig ist, ist sie doch bei weitem die größte. „Angefangen hat alles mit der großen Flut im November 1966“, beginnt Gabriele die Geschichte. Damals stieg der Wasserstand in Venedig auf alarmierende 194cm. Dies brachte erstmals die Aufmerksamkeit der Welt auf den fragilen Zustand der Stadt. Einige Organisationen wurden daraufhin gegründet, unter anderem auch Save Venice. „Heute ist sie die größte Organisation, die die Restaurationen von Kulturgut in Venedig finanziell unterstützt“, meint Gabriele Matino. Das Büro mit seiner minimalistischen Einrichtung wirkt größer als es ist, an den Wänden stapeln sich die Aktenordner auf Regalen bis zur Decke. „In diesen Ordnern sind all unsere Konservierungsprojekte der letzten 50 Jahre darin“, verkündet er stolz.
In den Augen von Save Venice gehört Venedig der ganzen Welt. Deshalb soll sich auch die ganze Welt verantwortlich dafür fühlen, Venedig zu erhalten, so das Motto der Organisation.
Auf Fragen zu der Zukunft von Venedig wird Gabriele etwas unsicher. Klar, er als gebürtiger Venezianer hat genauso Angst um seine Stadt, wie alle anderen auch. Doch als Mitglied von Save Venice denkt er nicht so viel an die Zukunft. „Unser Job ist es, das zu erhalten, was schon da ist. Wir haben nicht viel damit zu tun, was aus der Stadt einmal wird. Was uns interessiert, sind die Kunstwerke und deren Restaurierung.“
Geplant war die Fertigstellung des Mosaikbodens in der Basilika auf Torcello bereits im Herbst 2024. Doch die Arbeiten verzögerten sich. Für Save Venice ist das kein Problem, denn Gelder sind genug da. Über 500.000€ hat die Restaurierung des Fußbodens der Basilika bis jetzt gekostet. „Wir können es uns leisten, mehr Geld für die Restaurierungen auszugeben, auch wenn sie länger dauern als geplant. Denn, je besser die Restaurierung ist, desto länger hält sie auch“, schließt Gabriele Matino.
Ein Leben für die Vergangenheit
Es ist Abend, in der Kirche auf Torcello wird es dunkel. Wie jeden Tag muss Michele Massimo daran erinnern, das schon Feierabend ist und sie jetzt nach Hause gehen sollten. Nach einem ganzen Tag kniend auf dem Boden, muss sich Massimo erst mal strecken. Obwohl seine Glieder es gewohnt sein müssten, über Stunden am Boden auszuharren, wird der eine oder andere Muskel doch steif. Am Ende des Tages wirkt sein Blick müde, aber auch zufrieden. Noch schnell wird aufgeräumt, dann geht das Licht aus. Wasser und Strom werden ausgeschaltet und mit einem leisen klick schließen sich die Türen. Die Schritte werden leiser, in der Basilika kehrt wieder Ruhe ein.
Das Leben der Mosaicisti ein ein Leben voller Leidenschaften – aber auch ein Leben voller Verzicht. Sie gehen dorthin, wo die Kunstwerke sie brauchen. Es ist ein spannendes Leben, ein stilles Leben, ein Leben in der Vergangenheit. Wer dazu bereit ist, muss mehr als nur Talent mitbringen.
Schon bald werden die Mosaicisti ihre Arbeit hier beenden, der Boden ist nun fast fertig, und bereit für die bewundernden Besucher. Pause bleibt nicht viel, das nächste Projekt wartet schon.


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